Vom immer noch schwierigen Umgang mit der Vergangenheit

Was hat der spanische Dichter Federico García Lorca mit Porreres zu schaffen? Eigentlich gar nichts. Und doch gibt es eine hauchfeine Verbindung zu dem Dorf in der Inselmitte Mallorcas. Als der spanische Ermittlungsrichter Baltasar Garzón 2008 die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im Spanischen Bürgerkrieg verübt worden waren, erstmals aufklären lassen wollte, ordnete er die Öffnung dreier Massengräber an, eines bei Granada, wo der tote Lorca verscharrt worden sein soll, sowie zwei auf Mallorca: Manacor und Porreres. Die politischen Gegenkräfte stoppten den Vorstoß Garzóns, ein Gericht untersagte die Vorhaben auf der Insel. Lediglich die Suche nach dem erschossenen Dichter wurde genehmigt. Seine Gebeine, die irgendwo am Straßenrand unter der Erde liegen, sind bis heute nicht gefunden.

In Porreres ist nun, Jahre später, erstmals auf Mallorca ein Massengrab mit Opfern aus dem Bürgerkrieg geöffnet worden. Bis Mittwoch kamen 30 Skelette ans Licht.

Bis dahin hatten sich die ritualisierten Dialoge seit Jahrzehnten, seit dem Übergang Spaniens zur Demokratie im Jahre 1978, nicht gewandelt. Man solle keine alten Wunden aufreißen, hieß es stets vonseiten der Politik, sogar unter Einschluss der Sozialisten. Man muss die Massengräber öffnen, damit die offenen Wunden heilen können, hieß es von der Gegenseite.

Letzteres findet nun auf Mallorca statt, 2014 gab es bereits ein kleines Vorspiel in Sant Joan, wo drei Tote aus einem Beet geborgen und ihren Angehörigen übergeben worden waren.

Für die Nachkommen machen diese Aktionen durchaus Sinn. Man muss nur mit den Hinterbliebenen sprechen, um zu spüren, wie diese „vererbte Irritation“ innerhalb des Familienverbandes endlich zu vernarben beginnt, sobald die Gebeine der Hingerichteten im Familiengrab würdig beigesetzt sind.

Über den Bereich des Persönlichen hinaus geben diese Aktionen vielleicht auch einen Anstoß, die Vergangenheit aufzuarbeiten, indem die zwei Spanien, die einst im Bürgerkrieg übereinander hergefallen waren, endlich beginnen – über die Toten und ihre Gräber hinweg – miteinander zu sprechen.

Autor: Alexander Sepasgosarian

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11 2016

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