Eine Verordnung für oder gegen den Ramsch?

Die erste Reise nach Spanien, 1973, nicht per Flugzeug, sondern mit dem Auto. Als Achtjähriger, der ich damals war, brannten sich mir die fremdartigen Eindrücke tief ins Gedächtnis ein. Die Flamenco-Bar in Cordoba, die Alhambra-Gärten in Granada, die kalte Tomatensuppe in Sevilla … Unweit von Algeciras dann das: Ein extrem schwarzhäutiger Mensch, über und über behangen mit Ketten und Armreifen. „Was du zahlen?”, fragte er meine Mutter auf Deutsch, während er vor ihr mit seiner Ware herumhantierte. Tatsächlich kaufte meine Mutter eine Kette aus hellen Holzperlen und durchbohrten dunklen Baumsamen, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Die Exotik der Urwald-Kette löste den Kaufimpuls aus.

Soll heißen: Reichlich polyglotte und ambulante Straßenhändler aus Afrika gibt es in den spanischen Touristenorten seit nahezu einem halben Jahrhundert, auch wenn es früher längst nicht so viele waren wie heute. Aber die Zahl der Weltbevölkerung hat ja ebenfalls stark zugenommen. Heute sind die unzähligen Straßenhändler an der Playa de Palma ein bekanntes Bild. Doch statt handgefertigtem Geschmeide halten sie oft Plastikramsch und Billig-Imitate von Markenprodukten feil.

Klar ist ihr Treiben vielen ein Dorn im Auge. Den Urlaubern etwa, die immer wieder angesprochen werden. Den Ladenbesitzern, die gerne ihre eigene Ware losschlagen möchten und sich über den illegalen, da unbesteuerten Wettbewerb ärgern.

Immer wieder versprach die Politik, den ambulanten Handel einzudämmen, zu beseitigen. Ohne Erfolg. Weil das Vorgehen gegen die Straßenhändler eben auch eine soziale Frage ist.

Jetzt kamen die Behörden auf die Idee, eigens die Kunden der Händler mit Bußgeldern zu belegen. So ähnlich wie beim Straßenstrich: Nicht mehr die Prostituierte soll für verbotenen Sex in der Öffentlichkeit belangt werden, sondern ihr Freier.

Möglich, dass sich dadurch bald vieles ändert. Aber von den Urlaubern Geldbußen zu fordern, ohne sie im Vorfeld ausreichend über die neue Maßnahme zu informieren, ist alles andere als ein „guter Deal”.

Autor: Alexander Sepasgosarian

06

06 2019

Ein steiniger Weg für die Wahlsieger

Es war eine öffentliche Wahl im wahrsten Sinne des Wortes. Wer als ausländischer EU-Bürger auf Mallorca bei der Kommunal- und Europa-Wahl zum Urnengang schritt, fand sich im Wahllokal mit einer Vielzahl bunter Wahlzettel wieder, ausgelegt auf einem Tischchen. Man griff unter den Augen zahlloser Wahlbeobachter zu, sodass offenkundig wurde, wer welcher Partei den Vorrang gibt. Wozu bedarf es da noch einer Wahlkabine?

Die meisten Stimmen eingefahren haben die Sozialisten der PSOE. Nach den spanischen Parlamentswahlen Ende April punkteten sie nun auch bei der Regionalwahl auf den Balearen . Die Wähler auf den Inseln straften ab: die Konservativen (PP), die Linkspopulisten (Podemos), die grünen Linksregionalisten (Més). Stimmenzugewinne verzeichneten die Rechtspopulisten (Vox) und die Liberalen (Ciudadanos). Bei Letzteren dürfte vermutlich José Ramón Bauzá als eigentlicher Wahlsieger gelten. Der ehemalige PP-Chef auf den Inseln, der 2011 erst das beste Ergebnis seiner Partei einfuhr, dann in vier Jahren die Mehrheit versemmelte, aus der PP hinauskomplimentiert werden musste und jüngst den Insel-Ciudadanos ungefragt als Europa-Kandidat vor die Nase gesetzt wurde, wird diese Legislaturperiode nun häufig nach Straßburg fliegen dürfen.

Die Regierungsarbeit daheim, in Madrid und Palma, bleibt indes an den Sozialisten Pedro Sánchez und Francina Armengol kleben. Mit wem wird Sánchez koalieren? Er hofft derzeit wieder mehr auf eine Minderheitsregierung, will damit links Podemos und rechts Ciudadanos gegeneinander ausspielen. Vielleicht kommt es doch noch zu einer Tolerierung durch Ciudadanos. Denn mag die Katalonien-Frage noch so spalten – in Europa bahnt sich in Sachen EU-Kommission ein Pakt zwischen Sozialisten und Liberalen an. Brüssel könnte somit die Verhältnisse in Spanien beeinflussen.

Leicht wird das Regieren für die Sozialistenführer Sánchez/Armengol nicht. Das Geld für die Wahlversprechen fehlt, die Konjunktur flaut ab, Schulden und Defizit wachsen; ohne Problemlösungen in Sicht für Katalonien, Migration, Klimawandel, Sozialsysteme. Wunder sind nicht zu erwarten.

Autor: Alexander Sepasgosarian

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30

05 2019

Die schwere Wahl des Wählers

An diesem Sonntag sind die Bürger auf Mallorca zu einem intensiven Urnengang aufgerufen. Neben der Europawahl werden auf der Insel auch das Balearen-Parlament, der Inselrat sowie die Stadt- und Gemeinderäte gewählt. Für uns europäische EU-Ausländer auf Mallorca steht, abgesehen vom Europa-Parlament, lediglich die Kommunalwahl an.

Die perfekte Kommunalpartei ist auf Mallorca nicht zu finden. Eine Partei, die es schafft, die landschaftliche Schönheit der Insel zu bewahren, statt sie zuzubetonieren. Eine Partei, die Ressourcen schont sowie Solarenergie und Straßenbahn fördert, statt Straßenausbau. Die es schafft, den Tourismus als Motor der Wirtschaft zum Wohle aller zu regulieren, statt Urlauber als Ballast wahrzunehmen. Die es schafft, die sprachliche Vielfalt der Insel als weltoffene Bereicherung zu empfinden, statt auf uniforme Verlautbarungen zurückzugreifen. Der es gelingt, spanienweit auf Einvernehmen zu setzen, statt sich separieren zu wollen.

Die Forderungen an so eine Idealpartei ließen sich fortführen. Doch mit der Realität in Einklang bringen lassen sie sich kaum.

Politik sollte sich als die Verwaltung der Zivilgesellschaft verstehen, als Förderer des Gemeinwohls, als strategischer Vorausplaner für kommende Herausforderungen. Doch die Politiker vergangener Legislaturen haben – etwa in Palma, unserer Stadt – nicht einmal schlichte Alltagsprobleme zu bewältigen gewusst.

Weder Links noch Rechts waren in der Lage, der Hütchenspieler, Taschendiebe und Hausbesetzer Herr zu werden.

Verordnungen für zivilisiertes Verhalten wurden viele erlassen – aber eben nicht eingefordert. Wie sollen Herausforderungen wie Staatsverschuldung, Klimawandel und Gesundheitssysteme sowie soziale Schieflagen gemeistert werden, wenn Palma es nicht einmal schafft, seine Bürgersteige von Hundekot und Abfall freizuhalten?

Es hakt an so vielen Enden, dass ein einzelnes Kreuz daran kaum etwas ändern kann. Und dennoch ist der Urnengang unser Recht und unsere Pflicht, auf Verbesserung zu drängen. Liebe Leser, wählen Sie, was Sie für richtig halten. Aber setzen Sie Ihr Kreuzchen mit Bedacht und Verantwortung.

Autor: Alexander Sepasgosarian

23

05 2019

Wer keine Strände säubert, kann nicht gewinnen

Eigentlich müsste Mallorca jetzt bestens gerüstet sein für den Empfang der vielen Gäste, die hoffentlich in den nächsten Wochen kommen werden. Das vor allem, zumal dieses Jahr Konkurrenzreiseziele wie die Türkei oder Griechenland wieder kräftiger mit im Übrigen teils günstigeren Preisen mitmischen. Doch nein. Statt die lange Spätwinter- und Vorfrühlingszeit zu nutzen, um die Strände erst von Seegras zu befreien und dann mit Schirmen und Liegen zu bestücken, trödelt man. Man lässt die Dinge schleifen wie auch im vergangenen Jahr, und das vor allem am Paradiesstrand Nummer eins, Es Trenc, und an Stränden in Palma.

Angesichts dessen nützt es dem Renommee der Insel wenig, wenn jenseits von Es Trenc sehr wohl die Ärmel aufgekrempelt wurden: In Andratx und Calvià weiß man, was die Urlauber wollen, und macht Nägel mit Köpfen. War etwa der Strand von Camp de Mar 2018 bis in den Sommer hinein ein verdrecktes Etwas, so sieht er dieses Jahr schon seit Ende April schön proper aus.

Es kann nicht angehen, zu jammern und um Touristen zu betteln, wie das vor ein paar Jahren noch passiert war, sich jedoch von Arroganz übermannen zu lassen, wenn es gut läuft. Es spricht sich herum in Europa, wenn es den Regierenden eines Reiseziels wurscht zu sein scheint, ob Gäste einen sauberen oder schmutzigen Strand vorfinden. Es geht gar nicht, mit den flackernden und gierigen Blicken kurzfristig denkender Geschäftemacher die Urlauber mit der Ökosteuer abzuzocken, sie aber nicht gastfreundlich zu behandeln. Auch die Hoteliers, die in den vergangenen Jahren kräftig an der Preisschraube gedreht hatten, sollten sich in diesem Zusammenhang an die eigene Nase fassen.

Politiker und Unternehmer auf Mallorca sollten Bescheidenheit und Arbeitssinn auch dann an den Tag legen, wenn das Manna wie momentan noch vom Himmel regnet. Einige haben das bereits gemerkt und behandeln Kunden so, wie es sein muss: wie Könige. Doch wer gewinnen will, sollte generell so agieren.

Autor: Ingo Thor

20

05 2019

Ein polarisierendes Geschäft beschäftigt Mallorca

Es gibt Leute, die schon beim Anblick eines Ozeanriesen wie der jetzt wöchentlich nach Palma kommenden „Oasis of the Seas” vor Wut schäumen. „Diese Dreckschleudern”, wird unter anderem gegeifert. Doch die da maulen, gehören zu einer lautstarken Minderheit, die sich in den sozialen Netzwerken ausbreitet. Generell werden Kreuzfahrten dagegen immer beliebter. Und deswegen werden weiterhin immer größere Pötte in den Werften konstruiert, von denen viele irgendwann mit Sicherheit auch Palma anlaufen.

Es ist Geschmackssache, ob man sich bar jeder Selbstinitiative in einem Rudel durch eine Stadt führen lassen möchte und es einem mit einer Fahne vorweglaufenden Reiseleiter überlassen will, zu bestimmen, wie lange man sich eine Sehenswürdigkeit anzuschauen hat. Zudem ist es nachvollziehbar, wenn man keine Lust hat, hautnah irgendwelche mürrisch dreinblickenden Mitreisenden zu ertragen. Auf der anderen Seite hat es durchaus Charme, nur einmal den Koffer auspacken zu müssen und dennoch viel kennenlernen zu können. Und um die Verpflegung muss man sich bekanntlich auch nicht kümmern, man wird durchgefüttert. Doch Hand aufs Herz: Sowas wie die „Oasis of the Seas” ist ja eigentlich kein richtiges Schiff mehr, sondern eine Art anonyme Kleinstadt. Die Nähe zum Meer kann man am Strand intensiver genießen. Hinzu kommt die Umweltverschmutzung durch diese Schiffe, die viele zu recht wurmt.

Wie auch immer man zu Kreuzfahrten steht, sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Jeder Pott bringt gehörig Umsatz in eine Region. Wer kann es angesichts dessen einer Stadt wie Palma verdenken, die Zahl der Ozeanriesen nicht limitieren zu wollen. Würde man das hier tun, würden sich die Regenten anderer Kommunen hohnlachend die Hände reiben.

Es muss respektiert werden, dass viele Menschen Kreuzfahrten machen wollen. Auch muss es aber respektiert werden, dass Städte wie Dubrovnik nicht allzu viele Schiffe mehr haben wollen.

Autor: Ingo Thor

09

05 2019

Wortgeklingel bringt nichts, Geschmeidigkeit schon

Wäre Spanien ein normaler westeuropäischer Staat, würde man sich zwischen den bei der Wahl siegreichen Sozialisten und den Ciudadanos oder sogar der Volkspartei auf eine Koalition einigen. Doch Spanien tickt anders als etwa Deutschland oder die Niederlande. Seit dem Tod des Diktators Francisco Franco im November 1975 gab es hier niemals Koalitionen. Entweder es regierten die Halblinken oder die Halbrechten.

Doch die internationale Entwicklung weg vom Zweiparteiensystem ging auch an Spanien nicht vorüber. Aber anders als jenseits der Pyrenäen gibt es hierzulande auf politischer Ebene kaum Gesprächskultur. Und so verwundert es nicht, dass sich nach der Wahl alle gegenseitig nur anpflaumen und anraunzen. Die zwar über eine komfortable, aber nicht über eine absolute Mehrheit verfügenden Sozialisten von Premier Pedro Sánchez erwägen gar, mit wechselnden Bündnissen allein zu regieren. Stabilität sieht völlig anders aus.

Nach dem Urnengang sieht man einmal mehr, dass Spanien weiterhin ein tief gespaltenes Land ist. Nach dem Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 ist zwar nicht vor dem Bürgerkrieg (etwas zivilisatorischen Fortschritt gab es schon) – aber mit zerfransten Wahlergebnissen kann man hier nicht umgehen. Hier ist man bis in privateste Beziehungen hinein entweder rechts oder links. Und das, obwohl diese anachronistischen Kategorien bekanntlich einer längst vergangenen Epoche angehören und woanders bereits weitgehend überwunden wurden.

Doch Spanien hat verglichen mit anderen Ländern wie Deutschland einen Vorteil: Man ist geschmeidiger und ohnehin umgänglicher. Man ist wie der Held aus den Schelmenromanen, der Pícaro, weiß sich also durchaus galant zum eigenen Vorteil durchs Leben zu wurschteln. Trotz des kindischen archaisch-feindseligen Wortgeklingels könnte es deshalb durchaus gelingen, nach den Regionalwahlen am 26. Mai etwas aus dem Ergebnis vom 28. April zu machen. Den Politikern bleibt halt nichts anderes übrig, als dazuzulernen.

Autor: Ingo Thor

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02

05 2019

Wahlkampf in Spanien – kindisch, knackig, kurz

Es ist so weit. Am kommenden Sonntag, rund ein Jahr vor dem eigentlichen Ende der Legislaturperiode, sind knapp 37 Millionen Spanier dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen – zum dritten Mal innerhalb von dreieinhalb Jahren. Nötig geworden war die Neuwahl, weil die katalanischen Separatisten im Abgeordnetenhaus, mit deren Hilfe Ministerpräsident Pedro Sánchez erst vor zehn Monaten das Misstrauensvotum gegen den bis dahin regierenden Mariano Rajoy gewonnen hatte, dem Regierungschef bei der Haushaltsabstimmung die Gefolgschaft versagten und die sozialistische Minderheitsregierung handlungsunfähig machten.

Der Wahlkampf der vergangenen Wochen lässt sich am besten so zusammenfassen: kurz, aber intensiv. Wer die TV-Duelle der Spitzenkandidaten verfolgt hat, staunte nicht schlecht. Da ging es oft derart hitzig zu, dass deutsche TV-Zuschauer nur so mit den Ohren schlackern konnten, sind sie doch an die merkelhaft emotions- und steinmeierig regungslosen Kanzlerduelle gewöhnt. Dagegen sind die TV-Schlachten hierzulande recht unterhaltsam – aber auch kindisch. Es werden Kärtchen hochgehalten, Bilder gezeigt und einander Zettelchen aufs Rednerpult gelegt, fast so als sei es eine Schulbank – das ist zwar irgendwie eine Infantilisierung der Politik, zeigt aber auf beeindruckende Weise, dass in Spanien derzeit an vielen Fronten herzhaft gekämpft wird. Und die Meinungen zwischen Rechts- und Linksblock gehen weit auseinander (die innerhalb der Blöcke übrigens auch). 

Umso schwieriger dürfte die Regierungsbildung werden, nicht zuletzt weil mit der ultrarechten Vox eine fünfte Partei mit vermutlich zweistelligem Ergebnis ins Abgeordnetenhaus einziehen dürfte und Spanien ist – was das Bilden von Regierungskoalitionen angeht – ein Entwicklungsland. Zu lange herrschte im Königreich ein Zwei-Parteien-System vor. Vielleicht nützt den Politikern ein Blick nach Deutschland. Da sind zwar die TV-Duelle zum Gähnen, zumindest aber Koalitionen schmieden können die deutschen Politiker recht gut. Im Zweifel gibt’s eben eine „GroKo” …

Autor: Patrick Czelinski

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25

04 2019

Der Wahlkampf der „zwei Spanien” überschattet die Ostertage

Eine Karikatur in der spanischen MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora” brachte es jüngst auf den Punkt: Sie zeigte Jesus Christus, wie er sich auf dem Passionsweg mit seiner Last abplagt. Doch statt des Kreuzes hatten ihm die Zeichner eine riesige Wahlurne aufgebürdet.

In Spanien ist es ein Kreuz mit dem Kreuzchen auf dem Wahlzettel. Sowohl auf dem Festland als auch auf den Balearen hat sich das Parteienspektrum in diverse Formationen aufgefächert, das Aufkommen neuer Bewegungen erschwert die Regierbarkeit des Königreichs – das Minderheiten gerne in eine Republik umwandeln möchten – seit wenigen Jahren zusehends.

Es sind ebenso spannende wie angespannte Zeiten, der Wahlkampf überschattet auch die anstehenden Osterfeiertage. Politisch wirkt Spanien so geteilt wie in vergangenen, unrühmlichen Zeiten. Die „zwei Spanien”, die schon der Dichter Antonio Machado in seinem epochalen Gedicht voller Verzweiflung beschrieb, stehen sich einmal mehr als zwei Lager gegenüber – ungeachtet der Zersplitterung der Parteistrukturen im Links- beziehungsweise im Rechtsblock. Und mit jedem verbalen Schlagabtausch scheint sich die Kluft weiter zu vertiefen.

Das Aufmarschieren der jüngeren Protestparteien an den Rändern des Parteienspektrums hat auch damit zu tun, dass die bisherigen Volksparteien zu keiner Zeit gewillt waren, zum Wohle des Gemeinwesens in einer gemäßigten Mitte zusammenzufinden. Konservative und Sozialisten lösten einander stets im Zickzackkurs ab. Was eine Seite vorbaute, baute die andere wieder zurück und umkehrt. Auch jetzt, wo die alten Volksparteien an ihren Außenrändern ausfransen, scheinen Bündnisse in Form von „großer Koalition”, wie es sie teilweise in Europa gibt, in Spanien nach wie vor undenkbar zu sein.

Doch abseits aller Politik geht das reale Leben seinen Gang. Palma ist in diesen Tagen voller Urlauber und Residenten, alle freuen sich auf ein paar unbeschwerte Inseltage. Es sei allen vergönnt – hoffentlich ohne Airportstreiks, Regen und andere Ärgernisse. In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Autor: Alexander Sepasgosarian

19

04 2019

Der zwischen den Welten wandelt

Wohl jeder Mallorca-Urlauber, der in den vergangenen Jahren in Cala Rajada war, hat schon einmal ein Werk von Gustavo gesehen. Genauer gesagt zwei. Denn die beiden riesigen Wandbilder an der Hafenmauer fallen nun einmal ins Auge. Zurzeit stehen auch noch etliche Gustavo-Skulpturen auf dem Hafenboulevard.

Während diese im Herbst wieder abgebaut werden, hat sich der Künstler, der an diesem Donnerstag, 11. April, seinen 80. Geburtstag feiert, mit den Wandkeramiken schon sein Denkmal gesetzt. Es ist bereits das zweite. Das erste befindet sich in Berlin, wo Gustavo ab 1976 knapp zwei Jahrzehnte zu Hause war. Und wo sein Herz immer noch zum Teil wohnt. Touristen und Einheimische in der deutschen Hauptstadt kennen das Gustavo-Haus im Bezirk Lichtenberg. Dabei handelt es sich um ein saniertes Platten-Hochhaus, an dem seit 1999 riesige Figuren des Spaniers zu sehen sind. Berlin vergisst Gustavo nicht und Gustavo vergisst Berlin nicht. Wann immer es ihm seine Zeit erlaubt, informiert er sich mit der „Abendschau” über die Geschehnisse an der Spree.

Gustavo bereichert Mallorca. Nicht nur mit seiner Kunst, dieser unverwechselbaren Bildsprache, sondern auch als Mensch, der stets bescheiden daherkommt und sich auch im gesetzteren Alter eine gewisse Portion Neugierde erhalten hat. Er ist einer, der zwischen den Welten wandelt. Einerseits der Mallorquiner, der er zwar nicht von Geburt an war, zu dem er aber später wurde. Aber auch ein wenig deutsch. Weil er so lange in Berlin lebte und eine deutsche Frau hat, weiß er, wie die Alemanes ticken. Zudem kommt ein ganz großer Teil der Kunstliebhaber, die seine Werke schätzen und sie erwerben, aus Deutschland.

Zu den zwei Denkmälern soll sich noch ein drittes gesellen, wenn es nach dem Geburtstagskind geht: ein eigenes Gustavo-Museum auf Mallorca. Das schafft er nicht alleine. Die öffentliche Hand muss mitmischen, das Geld wäre gut angelegt. Vielleicht ergibt sich ja auch hier ein deutsch-mallorquinischer Schulterschluss wie schon bei der Finanzierung der Wandbilder im Hafen.

Gustavo bleibt zu wünschen: „Molts d’anys!”, wie man hier sagt – „Viele Jahre!”

Autor: Nils Müller

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11

04 2019

Neue Modelle für das Alter müssen her

Es gibt die sprichwörtliche Residenten-Leber. Sie entsteht durch erhöhten Alkoholkonsum über längere Zeit. Nicht selten ist Einsamkeit ein Grund, um zum Glas zu greifen. Denn Mallorca ist auf der einen Seite Sehnsuchtsort: Sonne, Strand, die abgeschiedene Finca auf dem Lande, hier ein leckeres Essen, dort ein teures Gläschen. Doch für junge und ältere Auswanderer kann Mallorca auf der anderen Seite auch Ort der Schwermut werden. Wenn der Winter sich über die Insel legt, kein Besuch auf die einsame Finca kommt. Mangelnde Sprachkenntnisse sowie wenig Kontakt zu Nachbarn und Dorfgemeinschaft tun das Ihre zum Alleinsein dazu. Einsamkeit ist auch eine Frage der Integration.

Die mallorquinische Gesellschaft ist nach wie vor von ihren familiären Strukturen geprägt. Die Großeltern kümmern sich um die Enkel, die Kinder um ihre Eltern. Einsam sind hier die Menschen seltener als in der Heimat. Familienstrukturen sind auch nötig, weil das soziale Netz grobmaschiger als in Deutschland ist.

Die günstigen Plätze in den kommunalen Altersheimen auf Mallorca sind rar, das Angebot der Pflegedienste ist begrenzt. Gerade im Alter gehen das Alleinsein und Pflegebedürftigkeit Hand in Hand. Residenten auf Mallorca werden nun selbst tätig, um dem Gespenst der Einsamkeit zu begegnen. Neue Modelle müssen her. Mallorca-Liebhaber denken über eine Senioren-WG nach. Die Stiftung Herztat hilft über ein Patenprogramm Alleinstehenden.

Solche Angebote sind ein Anfang, allerdings keine Alternative zu einer wohlüberlegten Auswanderung. Mag es zunächst romantisch klingen, den Lebensabend auf der einsamen Finca zu verbringen. Doch ohne Kenntnisse der mallorquinischen oder gar spanischen Sprache kann das Rentenalter schnell einsam werden. Wer Hilfe oder Begleitung benötigt, braucht sich nicht zu scheuen, Nachbarn oder Bekannte danach zu fragen. Denn häufig reagieren die Mallorquiner sehr offen und reichen eine helfende Hand – und sei es auch vielleicht nur, um mal die Einkaufstasche zu tragen.

Autorin: Claudia Schittelkopp

04

04 2019