Der Flughafenvorfall, bei dem alles schief ging

Der Vorfall hätte, wäre er im August mit den vielen Flügen passiert, nach Expertenmeinung den gesamten westeuropäischen Flugverkehr kollabieren lassen können. Doch die Landung einer Maschine der Fluggesellschaft Air Arabia Maroc und die Flucht von mehr als 20 illegalen maghrebinischen Migranten wurde an einem Freitagabend im November erzwungen. „Nur” Hunderte Passagiere anderer annullierter oder umgeleiteter Flüge kamen in Schwierigkeiten. Herbeigeführt worden war das Ganze wahrscheinlich durch einen simulierten gesundheitlichen Vorfall.

Das Vorkommnis wirft ein Schlaglicht auf das anhaltend ernste Migrationsproblem, wie man jetzt auch an der Grenze von Weißrussland mit Polen wieder sieht. Ein Flugzeug wurde von Wirtschaftsflüchtlingen zur Landung gezwungen, um illegal in die EU zu gelangen. Bei den Migranten handelte es sich laut neuen Erkenntnissen nicht um harmlose Kerle, die die Gunst der Stunde nutzten. Sie gaben sich in dem Jet offenbar so aggressiv, dass die Besatzungsmitglieder Angst davor bekamen, nach der Abholung des mutmaßlichen Simulanten die Türen zu schließen. Hinzu kam, dass Polizisten den Airbus nicht umstellt hatten, um eine Flucht zu verhindern, eigentlich eine Pflichtaufgabe bei einem Flugzeug in einer solchen Konstellation. Doch damit nicht genug: Man ließ zu, dass einige Illegale auf Fähren zum Festland entkamen. Auch über den Zaun, der den Airport eigentlich hermetisch abschirmen muss, waren sie ohne größere Probleme gelangt. Eine wenig überzeugende Figur machte in dieser Angelegenheit auch die Delegierte der spanischen Zentralregierung auf Mallorca, die Sozialistin Aina Calvo. Von Fehlern bei der Koordination der Sicherheitskräfte während des Vorfalls wollte sie nichts wissen.

Die Lage ist zu ernst, um einen solchen Vorfall zu verharmlosen. Um dem Problem beizukommen, müssen in den betroffenen Staaten Voraussetzungen geschaffen werden, die den Anreiz, fliehen zu wollen, mindern. In dieser Hinsicht sind die entwickelten Ländern gefordert.

Autor: Ingo Thor

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11

11 2021

Die Insel als Airline-Spielplatz im Winter

Dass Mallorca im Augenblick zu einer Art Herzkammer des europäischen Urlauber-Flugverkehrs mutiert, ist eine glückliche Fügung. Hier wollen die Airlines nämlich in der kühleren Jahreszeit ausprobieren, wie ihr Geschäft nach Corona generell laufen kann. Weil dem so ist, wird es auf der Insel erheblich munterer als erwartet zugehen. Es werden zu jeder Tageszeit Flüge angeboten, weil dies die deutschen Passagiere, die Mallorca quasi als mediterrane Heimat betrachten, nachfragen. Und da der Kunde bekanntlich König ist, wollen die Airlines ihn nicht vor den Kopf stoßen, sondern geradezu verwöhnen.Und so ist es beispielsweise sogar möglich, im tiefsten Januar – urlaubstechnisch im Grunde ein Nicht-Monat – direkt in weniger bekannte und mit lediglich schlichten Airports ausgestattete Städte wie Paderborn oder Dortmund zu fliegen.

Mallorca profitiert angesichts der speziellen aktuellen Entwicklung des Pandemie-Geschehens nun auch jenseits der Feriensaison vom in den letzten Jahrzehnten immer inniger gewordenen Verhältnis der Deutschen zu ihrer heiß geliebten Insel. Nach der trotz anhaltender Corona-Pandemie erfolgreichen Hochsaison dürften die ruhigen Monate zwar nicht trubelig, aber vernehmbar geschäftig werden. Das ist Wasser auf die Mühlen der Regionalregierung. Denn das Vertrauen der Reisenden in die durchaus erfolgreichen Corona-Maßnahmen hat die vorteilhafte Entwicklung im Flugbereich laut dem Experten Cord Schellenberg erst möglich gemacht. Und dies geht selbstredend einher mit dem Erhalt und der Schaffung von Arbeitsplätzen im Luftfahrtbereich – etwas, was die durch Corona brutal geschundene Insel mit den so ungeheuer vielen schlecht oder nur sporadisch bezahlten Arbeitnehmern bitter nötig hat. Mallorca steht nun unverhofft – und anders als bekannte Wettbewerberziele – zweifach als Sieger da: wegen der ungeachtet aller coronabedingten Widrigkeiten erfolgreichen Hochsaison und der zu erwartenden durchaus bewegten Nebensaison.

Autor: Ingo Thor

04

11 2021

Endlich einmal 
ein größerer Wurf

Das Landgut von Raixa steht vor einer neuen Etappe seiner Existenz, und diesmal sind die Aussichten für eine erfolgreiche Integration des historischen Anwesens in die Verhältnisse der Gegenwart gar nicht mal schlecht. Als Museum für das von der Unesco zum Kulturgut erklärte Tramuntana-Gebirge dürfte es viele Besucher anlocken, insbesondere jetzt, wo der Eintritt kostenlos ist.

Gratis-Tickets gab es schon früher einmal, aber damals wurde in dem Herrenhaus mit seinem formschönen Säulengang kaum etwas geboten. Jetzt ist zum Landschafts- und Naturerlebnis ein handfestes kulturhistorisches Informationsangebot hinzugekommen, das Besuchern hilft, das Gesehene besser einordnen und verstehen zu können.

Raixa hat immer wieder schöne und weniger schöne Phasen durchlaufen müssen: Einst ließ der mallorquinische Kardinal Antoni Despuig, der im mondänen Rom das Flair der antiken Metropole genossen hatte, den schlichten Bauernhof bei Bunyola mit schicken Anbauten, plätschernden Wasserspielen und lauschigen Gärten aufhübschen. Nach seinem Tod wurde Raixa von Erbe zu Erbe gereicht und sank bald in einen Dornröschenschlaf. Wer vor über 20 Jahren dort vorbeikam, stieß auf ein zu verfallen drohendes Herrenhaus samt verwucherten Grünanlagen von romantisch-morbidem Charme. Dafür musste man damals deftig Eintritt bezahlen.

Dann wollte die deutsche Designerin Jil Sander das Haus retten und originalgetreu restaurieren. Die Politik in Palma und Madrid funkte dazwischen, versprach viel, hielt wenig, modernisierte lieblos – und ließ den Zugang sogar lange sperren. Das war alles sehr unausgegoren. Man wollte verhindern, dass das emblematische Landgut in ausländische Hände fiele. Ohne zu bedenken: Wer auch immer Besitzer ist, muss irgendwann gehen. Doch Raixa selbst wird, ebenso wie die Landgüter des österreichischen Erzherzogs Ludwig Salvator, auf der Insel weiter verbleiben.

Jetzt ist mit dem Inselrat ein Herr im Haus, der das Museumskonzept mit Leben füllt. Warum auch nicht?! Möge dem Projekt Glück beschieden sein! Besuchen Sie Raixa! Es ist schön dort! Vielleicht trifft man sich ..?!

Autor: Alexander Sepasgosarian

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29

10 2021

Der Flughafen soll schöner, aber nicht größer werden

Der Flughafen Son Sant Joan ist die Visitenkarte der Insel. Er muss freundlich und hell daherkommen und nicht allzu funktionell, ja abweisend. Dass man das 1997 errichtete und sichtlich in die Jahre gekommene Hauptgebäude und einige Terminals erneuern will, überrascht daher nicht. Neu ist, dass man den Komplex nicht – wie das sicherlich noch vor zehn Jahren problemlos durchgegangen wäre – hemmungslos vergrößern will, sondern bei den Maßnahmen die Klima-Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Dieser Ansatz ist der Balearen-Regierung zu verdanken, die zwar viele Touristen auf Mallorca haben will, aber deren Hauptankunftsort, den Airport, zum Glück nicht als goldenes Kalb betrachtet, das man um des schnöden Mammons willen unkontrolliert auf Kosten der Umwelt noch weiter vergrößern kann.

Die Regierung von Ministerpräsidentin Francina Armengol setzte bei der mächtigen, von Madrid gesteuerten zentralen Flughafenbetreibergesellschaft Aena außerdem durch, dass keine weiteren Parkflächen für Flugzeuge geschaffen werden. Hinzu kommt, dass der CO2-Ausstoß von Zubringerbussen dadurch begrenzt wird, dass neue Fahrgastschläuche gebaut werden. Und dann kommt noch ein Radweg.

Das alles entspricht der Philosophie des Linksbündnisses, die darin besteht, dort, wo es hinzubekommen ist, schädliche Emissionen unten zu halten oder zu verringern. Ob die neuen, mit Naturgas angetriebenen Überlandbusse oder das Aus für die Kohleverstromung im Kraftwerk Es Murterar oder die Förderung von Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energien. All dies geht in eine Richtung. Man will halt klimafreundlich sein, so wie das in der westlichen Welt seit Jahren immer mehr Mode wird. Und so soll der Flughafen von Mallorca nicht noch riesiger werden, sondern bequemer und passagiernäher. Die Devise heißt: Mehr Freundlichkeit bei mehr grünem Denken. Die ebenfalls der Klima-Gerechtigkeit mit der Zeit mutmaßlich immer mehr gewogenen Passagiere werden dies bemerken und dankbar sein.

Autor: Ingo Thor

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21

10 2021

Ein halbes Jahrhundert 
auf 120 Seiten

Liebe Leserinnen und Leser, wundern Sie sich nicht, wenn Sie diese MM-Ausgabe in den Händen halten und feststellen, dass sie diesmal deutlich umfangreicher ist als sonst. Das Mallorca Magazin ist 50 Jahre alt geworden. Darüber sind wir Redakteure, die wir die Anfangsjahre unseres eigenen Blattes nur aus dem Archiv und von früheren Erzählungen kennen, glücklich und dankbar. Und darum möchten wir Ihnen die Geschichte Ihrer und unserer Wochenzeitung in Form einer MM-Jubiläumsbeilage anschaulich, unterhaltsam und informativ präsentieren. Schließlich wird man nur einmal 50!

Noch nie hat es eine so umfangreiche MM-Beilage gegeben, 120 Seiten, prall gefüllt mit Berichten über die Anfangszeiten unserer Zeitung auf der Insel, aber auch mit Betrachtungen und Analysen der Gegenwart und der Zukunft, etwa in Sachen Tourismus, dem nach wie vor wichtigsten Wirtschaftsmotor der Insel. Auch erinnern wir an langjährige Wegbegleiter und lassen viele Freunde unseres Hauses zu Wort kommen. Letztlich ist die Geschichte von MM immer auch ein Spiegelbild der Menschen und des Zeitgeschehens auf der Insel, wie dieses sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten zugetragen hat.

Zugegeben, das genaue Geburtsdatum war bereits am 19. Juni, und seitdem ziert eine goldene „50” die Titelseite der MM-Ausgaben. Aber aufgrund der Corona-Pandemie haben wir damals auf einen Festakt verzichtet. Stattdessen fand nun am Mittwochabend – nach Redaktionsschluss – das MM-Forum „Mallorca und Deutschland, gemeinsam Zukunft gestalten” statt, bei dem Politiker und Unternehmer sich über die wechselseitigen Beziehungen austauschen wollten (S. 21) . Die Berichterstattung dazu erfolgt aus naheliegenden technischen Gründen erst in der kommenden MM-Ausgabe am 21. Oktober. Bis dahin versorgt Sie unsere Jubiläumsbeilage ausgiebig mit Lesestoff. Die Titelseite dieser Beilage wurde übrigens eigens vom mallorquinischen Künstler Gustavo gestaltet, der zwei Jahrzehnte in Berlin lebte und Deutschland bestens kennt. Wir sind stolz darauf, dass sein Kunstwerk die Jubiläumsbeilage ziert.

Autor: Alexander Sepasgosarian

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14

10 2021

Shopping-Tourismus nützt der Insel

Eigenartig ist es schon, dass einschlägige Verbände auf Mallorca noch nicht genau Buch darüber führen, wer was wann wo einkauft. Schon seit vielen Jahren ist zu beobachten, dass das Shopping ein eigenes Urlaubsvergnügen geworden ist. Man braucht sich nur in die Fußgängerzone Sant Miquel in Palma zu stellen, um zu bemerken, wie freudig erregt, ja zuweilen exaltiert ausländische Touristen sind, wenn sie in ihrer Heimat nicht so bekannte Modeläden wie Mango oder Des-igual betreten. Zustände in Shopping-Malls in New York oder Dubai lassen grüßen.

Den Drang vieler Ausländer, sich in den Ferien was Schönes für ihr sauer erarbeitete Geld geradezu feierlich zu leisten, scheinen auch viele Ladenbetreiber noch gar nicht so richtig begriffen zu haben. Wenn wie dieses Jahr an einem Herbstsonntag scharenweise Urlauber durch die Straßen der Stadt ziehen, aber deutlich mehr als die Hälfte der Geschäfte geschlossen sind, spricht das Bände. Es ist auch noch nicht so, dass in Deutschland oder Großbritannien oder sonstwo in Europa groß dafür Werbung gemacht wird, zum Shoppen in die Balearen-Kapitale zu kommen. Wünschenswert wäre es um der Verlängerung der Saison willen.

Bei den großen Einkaufzentren wie dem Mallorca Fashion Outlet in Marratxí merkt man jedoch durchaus, dass aus dem Shopping-Tourismus wohl noch mehr herauszuholen ist. Wohl deswegen wurde schon vor Corona eine Umfrage gemacht, die sich mit dem Thema beschäftigt.

Auch den linken Regierenden auf Mallorca scheint der touristische Wert des Shoppens nicht richtig bewusst zu sein. Oder ist der Einkaufsspaß aus ideologischen Gründen gar nicht erwünscht? Wie anders ist zu verstehen, dass man ein geplantes großes Shoppingcenter im Bereich Ses Fontanelles des Viertels Can Pastilla an der Playa de Palma offenbar nicht will? Es ist Aufgabe demokratischer Regierender, Trends wie den Shopping-Tourismus aufzugreifen und zum Vorteil der eigenen Wirtschaft zu nutzen. In dieser Hinsicht gibt es auf den Inseln Nachholbedarf.

Autor: Ingo Thor

07

10 2021

Das Wahlergebnis könnte Flüge teurer werden lassen

Im Mai verwendeten deutsche Politiker die Insel mal wieder als Synonym für günstiges Reisen. Annalena Baerbock, die Spitzenkandidatin der Grünen, sagte einer Zeitung: „Übrigens fliegt kaum eine Familie für 29 Euro nach Mallorca. In Ferienzeiten liegen die Ticketpreise deutlich darüber. Die Schnäppchen gibt es für Wochenendtrips, da sitzt wohl kaum die Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern im Flieger.” Damit hatte Annalena Baerbock recht und sie deutete an, dass sie Tiefstpreise nicht mehr dulden wolle.

Seit vergangenem Sonntag scheint wahrscheinlich, dass die Grünen an einer neuen deutschen Bundesregierung beteiligt sein werden. Das Mallorca Magazin hat sich für diese Ausgabe mit Mallorquinern unterhalten (S. 8) ; manch einer ist beunruhigt, dass Reisen zwischen Deutschland und Mallorca nun teurer wird. Die hiesige Tourismuswirtschaft ist stark auf Gäste aus „Alemania” angewiesen.

Die Angst ist berechtigt, denn auch der mögliche Kanzler Olaf Scholz von der SPD sagte im Wahlkampf, dass kein Flug billiger als die Flughafen- und sonstigen Gebühren sein dürfe. 50, 60 Euro solle der Mindestpreis betragen, sodass der Ausstoß von CO2 verringert werden könne.

Wer sich mit Sofortmaßnahmen für mehr Klimaschutz beschäftigt, liest schnell, dass Kohlenstoffdioxid die Atmosphäre erwärmt. Fliegen ist besonders schädlich. Grüne und SPD planen effektiv, wenn sie Dumpingpreise verbieten möchten. Nach der Jahrhundertflut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz dürften nicht nur Klimaschützer sensibler auf die Erderwärmung blicken.

Aber wer will des Klimas wegen auf Urlaubsflüge verzichten? Was tun bei diesem Dilemma? Ein Weg könnte sein, die Emissionen seines Fluges auf Portalen wie Atmosfair berechnen zu lassen und einen Betrag zu zahlen, der diese kompensiert. Der Erlös fließt in Klima-schutzprojekte, über die man sich auf der Homepage näher informieren kann. Für einen Hin- und Rückflug, nach Münster/Osnabrück etwa, zahlt man 15 Euro für 638 Kilogramm CO2. Wer ein schlechtes Gewissen beim Fliegen hat, kann sein Urlaubsbudget in Zukunft erhöhen.

Autor: Philipp Schulte

30

09 2021

Zähmt das Virus den Exzesstourismus?

Hat die Pandemie tatsächlich geschafft, was die Balearen-Regierung schon Jahre davor immer wollte, nämlich den Tourismus vor allem an der Playa de Palma zu zivilisieren? Schlendert man auf der Promenade entlang, hat man mitunter diesen Eindruck. Es ist trotz voller Balkons und Restaurants in der Regel ruhig, Grölgeräusche dringen nur vereinzelt in die Ohren. Es ist festzustellen, dass ein ungewöhnliches Grundrauschen Einzug gehalten hat (siehe auch Seite 19) .

Ein Rauschen, das natürlich nur deshalb so ist, wie es ist, weil die Nachtlokale auf der Insel weiter geschlossen und größere Trinkgelage unter freiem Himmel verboten sind. Die seltsame Kombination aus entspannter Corona-Lage (siehe auch Seite 7) und weiter geltenden Restriktionen machte diesen Zustand der gehobeneren Art erst möglich. Ob er von Dauer sein wird, wenn sämtliche Restriktionen irgendwann wegfallen sollten, ist die Frage aller Fragen.

Nach wie vor gibt es genügend Menschen, die nur nach Mallorca kommen wollen, um aus der Rolle zu fallen. Das bedeutet: Sobald entfesselte Zustände in einschlägig bekannten Etablissements wieder gestattet sind, dürfte wohl wieder die Post abgehen.

Oder doch nicht? Kann es überhaupt wieder einen Rückfall in alte Zeiten geben? Klar ist: Das Virus wird nicht weichen. Es wird wieder Ausbrüche geben, vielleicht auch neue Wellen. Und das immer und immer wieder. Ob dies der Tod des Nachtlebens ist, wie es früher Usus war? Nicht auszuschließen.

Ohnehin hat die traumatisierende Pandemie Gefühlswelten verändert, womöglich sogar bei trink- und feierfreudigen Zeitgenossen. Wer wird sich, selbst geimpft, wohl trauen, irgendwann – wenn sie denn jemals wieder eröffnet sind – in die brechend vollen Partytempel zu gehen, wo sich Viren in Sekundenschnelle verbreiten könnten? Selbst abgebrühteren Naturen dürfte diese Vorstellung das Fürchten lehren. Das Virus könnte also schaffen, was vor Corona nur ein Traum war: den Exzesstourismus zu zähmen. Wünschenswert wäre es.

Autor: Ingo Thor

23

09 2021

Wer 
die Wahl hat …

In Deutschland und letztlich in ganz Europa steht ein Umbruch an: Wenn Angela Merkel in wenigen Tagen ihren Posten im Bundeskanzleramt räumt, dann ist das so wie wenn der Kapitän die Kommandobrücke verlässt – und zwar für immer.

Man kann über Merkels Politik der vergangenen 16 Jahre durchaus geteilter Meinung sein, aber eines muss man anerkennen: An ihrer proeuropäischen Haltung gab es zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel (S. 14) . Aus Ostdeutschland stammend, hielt sie an der Idee ihres Ziehvaters Helmut Kohl von einem geeinten Europa fest. Das ist das Europa, das wir, die wir uns auf Mallorca niedergelassen haben oder zumindest hier unsere Urlaube verbringen, tatsächlich auch leben.

Bleibt zu hoffen, dass Merkels Nachfolger, oder Nachfolgerin, an dieser proeuropäischen Politik festhalten wird. Am 26. September haben die Bundesbürger die Qual der Wahl, und man darf sich sicherlich fragen, ob jene Parteien mit dem größten Führungsanspruch auch wirklich ihre jeweils besten Bewerber für das Bundeskanzleramt ins Rennen geschickt haben. Möge das Wahlvolk mehrheitlich eine ebenso vernünftige wie verantwortungsbewusste Entscheidung herbeiführen.

Auch in Spanien und auf Mallorca kann man sich als Wählender mit der Politik und ihren Vertretern schwer tun. Wenn in Palma der Autoverkehr reduziert werden soll, mag das durchaus sinnvoll und berechtigt sein. Aber dann erscheint es nicht unbedingt stimmig, wenn das Rathaus die Café-Terrassen, die vor den Lokalen auf der Fläche der Autostellplätze entstanden sind, zum Monatsende wieder beseitigen möchte (S. 6). Ob man will oder nicht – diese gastronomischen Zusatzflächen aus Pandemiezeit haben mehr Flair in die Stadt gebracht als es die parkenden Autos tun.

Immerhin hat sich die Corona-Lage weiterhin entspannt, und die vielen Verschwörungstheorienverbreiter verschwinden zunehmend in der Bedeutungslosigkeit. Meist ist es ohnehin besser, statt zu nörgeln, aktiv mitzuhelfen. Etwa wie der Lions Club Palma (S. 9) oder die Macher von Herztat (S. 22). In diesem Sinne – eine schöne Woche!

Autor: Alexander Sepasgosarian

17

09 2021

Kleine Fortschritte in vielen Bereichen

Poc a poc, sagt der Mallorquiner, wenn er zur Geduld mahnt, oder aber die Zuversicht empfindet, dass die Verhältnisse in seinem Leben sich sachte, ganz sachte, zum Besseren wenden. Auf Französisch würde man „Peu à peu” sagen, auf Deutsch „Stück für Stück” oder vielleicht auch „Gut Ding will Weile haben”.

Bezogen auf Mallorca lässt sich vor diesem Hintergrund sagen, dass sich auf der Insel einiges tut, sich die Dinge positiv entwickeln, es irgendwie vorangeht. Nicht schnell, aber eben doch „Poc a poc” in vielen unterschiedlichen Bereichen. Die vorliegende Ausgabe ist voller konkreter Beispiele: Das Kunsthandwerk der Glasbläserei Gordiola wurde zum Kulturgut erklärt, aber was noch wichtiger ist, der mehr als 300 Jahre alte Betrieb richtet sich ökologisch aus, um Abfälle (in diesem Fall Altglas) zu recyclen und seine Emissionen zu senken (S. 26) .

Selbiges streben die Vorreiter in der Kreuzfahrtbranche an: Auf der „Mein Schiff 2” geht es den Betreibern darum, mit modernster Technik ebenfalls Abgase zu verringern und zu filtern. Auch das Abwasser will man an Bord auf nahezu Trinkwasser-Niveau klären. Das sind Fortschritte, wie sie vor ein paar Jahren noch undenkbar schienen (S. 32).

In Sachen Tourismus deuten sich ebenfalls Veränderungen an. Man dürfe nicht auf immer neue Besucherrekorde setzen, sondern müsse vielmehr die Qualität der Destination anheben, forderte jüngst Calviàs Alkalde (S. 8) . Das „Wie” dazu deutet sich in dem Bestreben an, innovative Arbeitsplätze durch neue Technologien zu schaffen (S. 14) . Gerade hier zeigt sich aber auch, dass Veränderungen Zeit benötigen und nicht über Nacht zu stemmen sind. Poc a poc also, aber bitte mit etwas mehr Forcierung, wenn es geht.

Dass sich auch die Corona-Lage auf der Insel verbessert hat und dass die Inzidenzwerte mittlerweile unter jenen in Deutschland liegen, ist ebenfalls ein Hinweis darauf, dass die vielen Bemühungen Früchte tragen. Jetzt zeichnen sich selbst Lockerungen für die Dorffeste ab (S. 6). Das Leben auf der Insel kehrt, in kleinen Schritten, zur Normalität zurück. Bestens! Geht doch!

Autor: Alexander Sepasgosarian

13

09 2021