Ein Krieg, ein Kind, ein Foto

Die Kaffeepause in der Bar nebenan ist ein guter Moment, um die Gedanken mal ein bisschen schweifen zu lassen. Und bin ich erst mal raus aus dem Trott, fliegt mir ja vielleicht auch eine Idee für den Leitartikel zu.

So sollte das auch an diesem Dienstag sein. Vielleicht gibt die Russen-Mafia ein Thema her. Oder der Plan für die chilligen Strandbuden an der Playa de Palma. Die Immobilienpreise haben wieder leicht angezogen – auch das könnte die Weihnachtsgäste auf der Insel interessieren. Überhaupt Weihnachten: Müsste der Leitartikel nicht ein wenig „Festcharakter“ haben?

Ich wäge noch ab und greife mehr aus Gewohnheit denn aus Interesse zur ausliegenden Zeitung „El País“. Und plötzlich zieht das Titelbild alle meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Farbfoto der Agentur AP. Es entstand in Syrien, in Aleppo. Ein verzweifelter Mann trägt seinen toten Sohn im Arm. Der Junge auf dem Foto ist vielleicht vier, fünf Jahre alt, seine Kleidung ist blutverschmiert. Er trägt eine rote Mütze, das Gesicht ist nicht zu sehen. Nur das des Vaters. Er weint.

Wir bekommen heutzutage viele Kriegsbilder zu sehen. Die meisten vergessen wir schnell wieder. Dieses hier habe ich noch Stunden später vor meinem geistigen Auge. Und deshalb ist es diese Woche auch mit dem Leitartikel über die Russen-Mafia oder die Immobilienpreise auf Mallorca nichts geworden. Ich nehme mir einfach mal heraus, die täglichen Mallorca-Probleme als banal zu empfinden.

Ich möchte, dass das Töten in Aleppo und vielen anderen Orten auf der Welt aufhört. Ich möchte, dass sich die mächtigen Politiker auf der Welt stärker dafür engagieren. Ich möchte, dass die humanitäre Hilfe für die Syrien-Flüchtlinge endlich in Gang kommt. Dazu müssen wir spenden. Wir müssen zuhören und hinschauen, wenn uns Hilferufe erreichen. Weihnachten auf Mallorca dürfen wir trotzdem genießen.

Jetzt ist es doch ein reichlich „besinnlicher“ Leitartikel geworden. Ich lasse ihn einfach mal so stehen.

Autor: Bernd Jogalla

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19

12 2013

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