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Der Mensch bleibt, das Virus auch

Es ist schon interessant zu sehen, wie rasant sich die Wahrnehmung der Corona-Pandemie verändert hat. Wären die extrem hohen Ansteckungszahlen von heute vor Monaten registriert worden, hätte es Furcht, Entsetzen und wahrscheinlich sogar einen erneuten Lockdown auf Mallorca gegeben. Doch weil mit Omikron jetzt eine Variante auf dem Vormarsch ist, die offensichtlich mildere Krankheitsverläufe verursacht, ist man im Staate Spanien auf einmal recht entspannt. Eigentlich könne man jetzt dazu übergehen, das Ganze wie eine normale Grippe zu behandeln, äußerte Ministerpräsident Pedro Sánchez. Man arbeite bereits an einem Plan. Würde dieser umgesetzt, gibt es keine strenge Kontaktnachverfolgung mehr, auch die genaue Zählung der Fälle fällt weg.

Wünschenswert wäre das schon, zumal die Gesundheitszentren angesichts der extremen Lage überfordert sind. Doch die Kritik von Teilen der Ärzteschaft und von Seiten von niemand geringerer als der Weltgesundheitsorganisation WHO muss ernst genommen werden. Zu labil sei die Lage noch, wird argumentiert. Das Virus stecke voller Überraschungen. Was wäre, wenn man die Zügel schleifen ließe und auf einmal eine richtig brandgefährliche Mutation auftauchen würde?

Doch irgendwie wird stetig klarer, dass Omikron der Anfang vom Ende des schon fast zwei Jahre dauernden Grauens sein könnte. Es sind halt viele geimpft, und das schützt vor schweren Verläufen. Einigen Experten zufolge läuft alles auf einen Modus Vivendi von Mensch und Virus hinaus, eine Entwicklung hin zu einer endemischen Situation mit immer mal wieder stärker auftretenden und dann wieder abfallenden Infektionsphasen.

Angesichts dessen sind die neuen Gedankengänge in der spanischen Regierung, von denen man auch in Großbritannien oder Israel durchdrungen ist, auf jeden Fall interessanter als der ewige politisch-mediale Panikmodus mit mehr Restriktionen, der momentan etwa in Deutschland unter der Leitung des neuen Gesundheitsministers Karl Lauterbach anhält.

Autor: Ingo Thor

13

01 2022

Wenn Leichtigkeit langsam unheimlich wird

Es sind Zahlen, die einen im Jahr 2020 vom Stuhl gehauen hätten: Am Mittwoch wurden fast 4000 Neuansteckungen mit dem Coronavirus auf den Balearen gemeldet. Was für eine gigantisch hohe Zahl! Und dennoch: Der Dreikönigsumzug fand unter Auflagen, aber immerhin, statt, die Menschen stürmen teils ohne Masken die Straßen und Geschäfte.Das EU-Zertifikat, das vielerorts als Zugangsvoraussetzung verlangt wird, garantiert nicht, dass man sich nicht ansteckt. Denn mitunter wird diese Kontrollprozedur gar nicht durchgeführt.

Dass sich die Corona-Pandemie so verändert hat, dass eine Infektion kein Todesurteil mehr ist, ist der Allgemeinheit klar. Und so lebt man wie früher gruppenfixiert und laut palavernd sein Leben. Warum auch nicht? Ist man zweifach oder gar schon dreifach geimpft, merkt man von dem Virus zwar mehr oder weniger etwas, kuriert das Ganze zuhause aus, aber in die Intensivstation kommt man nicht mehr unbedingt. Die auf dem Vormarsch befindliche Omikronvariante ist auf den Balearen derzeit laut offiziellen Angaben nur mit einem einzigen Patienten dort vertreten. Sämtliche restlichen wurden von der Delta-Variante befallen.

Dennoch: Das rechtfertigt nicht die entfesselten Zustände, die man vielerorts auf der Insel beobachten kann. Eine Omikron-Infektion ist nunmal ebenfalls eine ernste Sache. Die Menschen haben ein Recht darauf, damit nichts zu tun haben zu wollen. Der Staat ist also gefordert.

Doch es passiert nichts. Nimmt man vielleicht eine stärkere Durchseuchung ohne chaotische Zustände in Krankenhäusern bewusst in Kauf, um am Ende den ersehnten endemischen Zustand auf Erkältungsebene schneller erreichen zu können? Das wäre ein nicht unintelligenter Ansatz. Doch irgend etwas zur Eindämmung müsste getan werden, vor allem um Risikopatienten zu schützen. Es böten sich geringere Auslastungen von Bars oder in öffentlichen Verkehrsmitteln an. Auch nächtliche Ausgangssperren zeigten in der Vergangenheit, dass man damit Inzidenzen nach unten bekommen kann.

Autor: Ingo Thor

07

01 2022

2021 vieles 
richtig gemacht

Mallorca im Jahresrückblick, das kommt einer Achterbahnfahrt nahe. Insbesondere in Sachen Pandemie. Vor einem Jahr hatte die Insel ein extrem hohes Inzidenzgeschehen, das wussten die Behörden im Winter und Frühling auf einen für Europa vorbildlichen Fast-Nullbereich zu senken. Doch dann explodierten im Frühsommer die Werte, speziell weil spanische Abiturienten bei unkontrollierten Massenpartys die Ansteckungszahlen wieder in die Höhe trieben. Strenges Gegenrudern der Regierung sorgte dafür, dass die Zahlen wieder deutlich sanken und die Insel – nach der coronabedingten Paralyse im Vorjahr – doch noch eine touristische Saison erleben durfte, mit einem Ergebnis, das viel besser ausfiel als gedacht. Das bedeutete Jobs und Einnahmen, wie sie zuvor bitter vermisst worden waren, sowie, noch wichtiger, eine Rückkehr zu so etwas wie Normalität.

Umso enttäuschender ist die derzeitige Flut der Neuansteckungen mit der Omikron-Variante auf der Insel (S. 7) . Es scheint, als wiederholten sich die Szenarien, als hätten die vielen Anstrengungen in den vergangenen zwölf Monaten nichts gebracht. Doch so sollte man nicht denken! Sondern noch einmal zurückblicken und sich daran erinnern, wie die bisherigen Erfolge auf der Insel im Kampf gegen Corona erzielt worden waren. Anders, als es dem spanischen Klischee vom Laissez-faire entspricht, waren auf Mallorca die Restriktionen strenger als anderswo. Auch die Impfrate ist deutlich höher als in anderen Ländern. Viele der damaligen Maßnahmen erwiesen sich als richtig, und wenn man den Behörden einen Vorwurf machen könnte, dann vielleicht den, die Booster-Impfungen nicht schon früher, rascher und intensiver auf den Weg gebracht zu haben.

Die Erfahrungen zeigen, dass es Sinn macht, weiter auf die Wissenschaft zu vertrauen, denn die Alternativen entbehren jeglicher Fundamente. Wollen wir hoffen, dass Corona im kommenden Jahr noch mehr zurückgedrängt werden kann, als es dieses Jahr bereits gelungen war. MM wünscht seinen Leserinnen und Lesern daher ein glückliches und insbesondere ein gesundes 2022!

Autor: Alexander Sepasgosarian

30

12 2021

Wir brauchen unsere Traditionen mehr denn je

Es ist der 24. Dezember des Jahres 1914, der Erste Weltkrieg tobt. Doch dann herrscht für einen Moment Frieden. Deutsche, Franzosen, Briten hören an der Westfront auf zu schießen. Die Hände erhoben, verlassen Soldaten Schützengräben, besuchen sich, singen gemeinsam „Stille Nacht“. Sie schenken sich Zigaretten, spielen sogar Fußball. Der Weihnachtsfrieden verstößt gegen Befehle, dauert nur gut einen Tag, ist aber ein Beispiel, wie tief Traditionen in uns verwurzelt sind.

Dieser Tage kommen Tausende Deutsche für das Weihnachtsfest nach Mallorca (S. 6) . Das ist für viele ein Brauch. Trotz hoher Coronavirus-Inzidenzen in Spanien und Deutschland lassen sich Zweithausbesitzer, Pauschalurlauber und Individualreisende die Winterferien auf der Insel nicht nehmen. Gegen diese Reisen ist nichts einzuwenden: Die Mehrheit der Menschen ist geimpft und trägt – wo vorgeschrieben – Maske.

Corona bestimmt weiter unseren Alltag. Gerade jetzt brauchen wir unsere Traditionen mehr denn je. Sie helfen uns besonders während Krisen. Sie geben uns Sicherheit, Halt, Normalität, Selbstvertrauen. Ein Brauch, das kann genauso das Singen von „O du fröhliche” in einer Ferienwohnung im derzeit schneebedeckten Hinterzarten im Schwarzwald sein. Und auch der Urlaub auf Mallorca.

Auch wenn wir das Fest dieses Jahr wieder mit Vorsicht feiern, weil wir Kontakte reduzieren: Wir feiern es. Ob mit vertrauten Menschen aus nur einem weiteren Haushalt an einem Tisch – oder mit vielen weiteren vor einer Videokamera. Ein Gefühl jedenfalls bleibt zurück: Zusammenhalt. Das ist für Menschen in christlich geprägten Ländern wie Deutschland und Spanien wichtig.

Der traditionelle deutsche ökumenische Gottesdienst in der Kathedrale von Palma an Heiligabend fällt der Pandemie wegen zum zweiten Mal in Folge aus. Dennoch gibt es viele kleinere Christmessen, die bestimmt genauso stimmungsvoll werden. Das macht Hoffnung. Liebe Leser, das Mallorca Magazin wünscht frohe Weihnachten.

Autor: Philipp Schulte

23

12 2021

Die ewige Pandemie, die nicht weichen will

Es war ein Schock, als vor einigen Tagen unerwartet gemeldet wurde, dass in Südafrika eine mysteriöse Corona-Mutation geortet wurde, die womöglich resistenter gegen die Impfstoffe und ansteckender ist. Omikron, wie die neue Variante von der Weltgesundheitsorganisation genannt wurde, brachte auf einmal den geordneten Prozess der Pandemie-Bekämpfung durcheinander. Doch ungeachtet eilig gekappter Flugrouten steht jetzt fest, dass die Mutation bereits in Europa existiert hatte, bevor sie in Südafrika identifiziert wurde. Und steckte sich jemand an, war der Krankheitsverlauf bislang mild.

Von Politikern und einigen Medien geschürte Panik ist also fehl am Platz, und das auch auf Mallorca, wo am Mittwoch ein erster Omikron-Verdachtsfall im Flughafen registriert wurde. Der Impfprozess auf der Insel und anderswo läuft weiter fast wie geschmiert, bald kommen Kinder dran, und das sogenannte „Boostern” bei über 60-Jährigen hat bereits Fahrt aufgenommen. Und sollte Omikron wirklich richtig gefährlich sein, dauert es halt ein paar Wochen, bis die Impfstoffe angepasst sind. Das Virus ist nunmal trickreich, gut möglich, dass es bald noch mehr Varianten gibt. Ganz unverhofft kommt so eine Annahme nicht.

Angesichts der Entwicklungen ist es dringend empfehlenswert, weiter höllisch aufzupassen. Und deswegen ist es nur vernünftig, in Restaurants und Bars jetzt vor Weihnachten, da so viele in Spanien aufeinanderhocken, wie von der Regionalregierung beschlossen den Impfpass als Zugangsberechtigung einzuführen. Und sollte das nicht helfen, muss dieser dann auch woanders, wo viele Menschen zusammenkommen, kontrolliert werden.

Dass die Pandemie mit der Ruhe im Sommer und Herbst vorbei sein würde, dürften nur eher naive Zeitgenossen geglaubt haben. Sie geht weiter, doch Fortschritte sind zu verspüren. Mit Omikron geht nicht alles wieder so wie im März 2020 los, als niemand geimpft und alles so neu und furchtbar war. Der Kampf ist halt ein langer und zermürbender. Ein Ende ist weiterhin nicht abzusehen.

Autor: Ingo Thor

02

12 2021

Der Flughafenvorfall, bei dem alles schief ging

Der Vorfall hätte, wäre er im August mit den vielen Flügen passiert, nach Expertenmeinung den gesamten westeuropäischen Flugverkehr kollabieren lassen können. Doch die Landung einer Maschine der Fluggesellschaft Air Arabia Maroc und die Flucht von mehr als 20 illegalen maghrebinischen Migranten wurde an einem Freitagabend im November erzwungen. „Nur” Hunderte Passagiere anderer annullierter oder umgeleiteter Flüge kamen in Schwierigkeiten. Herbeigeführt worden war das Ganze wahrscheinlich durch einen simulierten gesundheitlichen Vorfall.

Das Vorkommnis wirft ein Schlaglicht auf das anhaltend ernste Migrationsproblem, wie man jetzt auch an der Grenze von Weißrussland mit Polen wieder sieht. Ein Flugzeug wurde von Wirtschaftsflüchtlingen zur Landung gezwungen, um illegal in die EU zu gelangen. Bei den Migranten handelte es sich laut neuen Erkenntnissen nicht um harmlose Kerle, die die Gunst der Stunde nutzten. Sie gaben sich in dem Jet offenbar so aggressiv, dass die Besatzungsmitglieder Angst davor bekamen, nach der Abholung des mutmaßlichen Simulanten die Türen zu schließen. Hinzu kam, dass Polizisten den Airbus nicht umstellt hatten, um eine Flucht zu verhindern, eigentlich eine Pflichtaufgabe bei einem Flugzeug in einer solchen Konstellation. Doch damit nicht genug: Man ließ zu, dass einige Illegale auf Fähren zum Festland entkamen. Auch über den Zaun, der den Airport eigentlich hermetisch abschirmen muss, waren sie ohne größere Probleme gelangt. Eine wenig überzeugende Figur machte in dieser Angelegenheit auch die Delegierte der spanischen Zentralregierung auf Mallorca, die Sozialistin Aina Calvo. Von Fehlern bei der Koordination der Sicherheitskräfte während des Vorfalls wollte sie nichts wissen.

Die Lage ist zu ernst, um einen solchen Vorfall zu verharmlosen. Um dem Problem beizukommen, müssen in den betroffenen Staaten Voraussetzungen geschaffen werden, die den Anreiz, fliehen zu wollen, mindern. In dieser Hinsicht sind die entwickelten Ländern gefordert.

Autor: Ingo Thor

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11

11 2021

Ein halbes Jahrhundert 
auf 120 Seiten

Liebe Leserinnen und Leser, wundern Sie sich nicht, wenn Sie diese MM-Ausgabe in den Händen halten und feststellen, dass sie diesmal deutlich umfangreicher ist als sonst. Das Mallorca Magazin ist 50 Jahre alt geworden. Darüber sind wir Redakteure, die wir die Anfangsjahre unseres eigenen Blattes nur aus dem Archiv und von früheren Erzählungen kennen, glücklich und dankbar. Und darum möchten wir Ihnen die Geschichte Ihrer und unserer Wochenzeitung in Form einer MM-Jubiläumsbeilage anschaulich, unterhaltsam und informativ präsentieren. Schließlich wird man nur einmal 50!

Noch nie hat es eine so umfangreiche MM-Beilage gegeben, 120 Seiten, prall gefüllt mit Berichten über die Anfangszeiten unserer Zeitung auf der Insel, aber auch mit Betrachtungen und Analysen der Gegenwart und der Zukunft, etwa in Sachen Tourismus, dem nach wie vor wichtigsten Wirtschaftsmotor der Insel. Auch erinnern wir an langjährige Wegbegleiter und lassen viele Freunde unseres Hauses zu Wort kommen. Letztlich ist die Geschichte von MM immer auch ein Spiegelbild der Menschen und des Zeitgeschehens auf der Insel, wie dieses sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten zugetragen hat.

Zugegeben, das genaue Geburtsdatum war bereits am 19. Juni, und seitdem ziert eine goldene „50” die Titelseite der MM-Ausgaben. Aber aufgrund der Corona-Pandemie haben wir damals auf einen Festakt verzichtet. Stattdessen fand nun am Mittwochabend – nach Redaktionsschluss – das MM-Forum „Mallorca und Deutschland, gemeinsam Zukunft gestalten” statt, bei dem Politiker und Unternehmer sich über die wechselseitigen Beziehungen austauschen wollten (S. 21) . Die Berichterstattung dazu erfolgt aus naheliegenden technischen Gründen erst in der kommenden MM-Ausgabe am 21. Oktober. Bis dahin versorgt Sie unsere Jubiläumsbeilage ausgiebig mit Lesestoff. Die Titelseite dieser Beilage wurde übrigens eigens vom mallorquinischen Künstler Gustavo gestaltet, der zwei Jahrzehnte in Berlin lebte und Deutschland bestens kennt. Wir sind stolz darauf, dass sein Kunstwerk die Jubiläumsbeilage ziert.

Autor: Alexander Sepasgosarian

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14

10 2021

Shopping-Tourismus nützt der Insel

Eigenartig ist es schon, dass einschlägige Verbände auf Mallorca noch nicht genau Buch darüber führen, wer was wann wo einkauft. Schon seit vielen Jahren ist zu beobachten, dass das Shopping ein eigenes Urlaubsvergnügen geworden ist. Man braucht sich nur in die Fußgängerzone Sant Miquel in Palma zu stellen, um zu bemerken, wie freudig erregt, ja zuweilen exaltiert ausländische Touristen sind, wenn sie in ihrer Heimat nicht so bekannte Modeläden wie Mango oder Des-igual betreten. Zustände in Shopping-Malls in New York oder Dubai lassen grüßen.

Den Drang vieler Ausländer, sich in den Ferien was Schönes für ihr sauer erarbeitete Geld geradezu feierlich zu leisten, scheinen auch viele Ladenbetreiber noch gar nicht so richtig begriffen zu haben. Wenn wie dieses Jahr an einem Herbstsonntag scharenweise Urlauber durch die Straßen der Stadt ziehen, aber deutlich mehr als die Hälfte der Geschäfte geschlossen sind, spricht das Bände. Es ist auch noch nicht so, dass in Deutschland oder Großbritannien oder sonstwo in Europa groß dafür Werbung gemacht wird, zum Shoppen in die Balearen-Kapitale zu kommen. Wünschenswert wäre es um der Verlängerung der Saison willen.

Bei den großen Einkaufzentren wie dem Mallorca Fashion Outlet in Marratxí merkt man jedoch durchaus, dass aus dem Shopping-Tourismus wohl noch mehr herauszuholen ist. Wohl deswegen wurde schon vor Corona eine Umfrage gemacht, die sich mit dem Thema beschäftigt.

Auch den linken Regierenden auf Mallorca scheint der touristische Wert des Shoppens nicht richtig bewusst zu sein. Oder ist der Einkaufsspaß aus ideologischen Gründen gar nicht erwünscht? Wie anders ist zu verstehen, dass man ein geplantes großes Shoppingcenter im Bereich Ses Fontanelles des Viertels Can Pastilla an der Playa de Palma offenbar nicht will? Es ist Aufgabe demokratischer Regierender, Trends wie den Shopping-Tourismus aufzugreifen und zum Vorteil der eigenen Wirtschaft zu nutzen. In dieser Hinsicht gibt es auf den Inseln Nachholbedarf.

Autor: Ingo Thor

07

10 2021

Das Wahlergebnis könnte Flüge teurer werden lassen

Im Mai verwendeten deutsche Politiker die Insel mal wieder als Synonym für günstiges Reisen. Annalena Baerbock, die Spitzenkandidatin der Grünen, sagte einer Zeitung: „Übrigens fliegt kaum eine Familie für 29 Euro nach Mallorca. In Ferienzeiten liegen die Ticketpreise deutlich darüber. Die Schnäppchen gibt es für Wochenendtrips, da sitzt wohl kaum die Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern im Flieger.” Damit hatte Annalena Baerbock recht und sie deutete an, dass sie Tiefstpreise nicht mehr dulden wolle.

Seit vergangenem Sonntag scheint wahrscheinlich, dass die Grünen an einer neuen deutschen Bundesregierung beteiligt sein werden. Das Mallorca Magazin hat sich für diese Ausgabe mit Mallorquinern unterhalten (S. 8) ; manch einer ist beunruhigt, dass Reisen zwischen Deutschland und Mallorca nun teurer wird. Die hiesige Tourismuswirtschaft ist stark auf Gäste aus „Alemania” angewiesen.

Die Angst ist berechtigt, denn auch der mögliche Kanzler Olaf Scholz von der SPD sagte im Wahlkampf, dass kein Flug billiger als die Flughafen- und sonstigen Gebühren sein dürfe. 50, 60 Euro solle der Mindestpreis betragen, sodass der Ausstoß von CO2 verringert werden könne.

Wer sich mit Sofortmaßnahmen für mehr Klimaschutz beschäftigt, liest schnell, dass Kohlenstoffdioxid die Atmosphäre erwärmt. Fliegen ist besonders schädlich. Grüne und SPD planen effektiv, wenn sie Dumpingpreise verbieten möchten. Nach der Jahrhundertflut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz dürften nicht nur Klimaschützer sensibler auf die Erderwärmung blicken.

Aber wer will des Klimas wegen auf Urlaubsflüge verzichten? Was tun bei diesem Dilemma? Ein Weg könnte sein, die Emissionen seines Fluges auf Portalen wie Atmosfair berechnen zu lassen und einen Betrag zu zahlen, der diese kompensiert. Der Erlös fließt in Klima-schutzprojekte, über die man sich auf der Homepage näher informieren kann. Für einen Hin- und Rückflug, nach Münster/Osnabrück etwa, zahlt man 15 Euro für 638 Kilogramm CO2. Wer ein schlechtes Gewissen beim Fliegen hat, kann sein Urlaubsbudget in Zukunft erhöhen.

Autor: Philipp Schulte

30

09 2021

Zähmt das Virus den Exzesstourismus?

Hat die Pandemie tatsächlich geschafft, was die Balearen-Regierung schon Jahre davor immer wollte, nämlich den Tourismus vor allem an der Playa de Palma zu zivilisieren? Schlendert man auf der Promenade entlang, hat man mitunter diesen Eindruck. Es ist trotz voller Balkons und Restaurants in der Regel ruhig, Grölgeräusche dringen nur vereinzelt in die Ohren. Es ist festzustellen, dass ein ungewöhnliches Grundrauschen Einzug gehalten hat (siehe auch Seite 19) .

Ein Rauschen, das natürlich nur deshalb so ist, wie es ist, weil die Nachtlokale auf der Insel weiter geschlossen und größere Trinkgelage unter freiem Himmel verboten sind. Die seltsame Kombination aus entspannter Corona-Lage (siehe auch Seite 7) und weiter geltenden Restriktionen machte diesen Zustand der gehobeneren Art erst möglich. Ob er von Dauer sein wird, wenn sämtliche Restriktionen irgendwann wegfallen sollten, ist die Frage aller Fragen.

Nach wie vor gibt es genügend Menschen, die nur nach Mallorca kommen wollen, um aus der Rolle zu fallen. Das bedeutet: Sobald entfesselte Zustände in einschlägig bekannten Etablissements wieder gestattet sind, dürfte wohl wieder die Post abgehen.

Oder doch nicht? Kann es überhaupt wieder einen Rückfall in alte Zeiten geben? Klar ist: Das Virus wird nicht weichen. Es wird wieder Ausbrüche geben, vielleicht auch neue Wellen. Und das immer und immer wieder. Ob dies der Tod des Nachtlebens ist, wie es früher Usus war? Nicht auszuschließen.

Ohnehin hat die traumatisierende Pandemie Gefühlswelten verändert, womöglich sogar bei trink- und feierfreudigen Zeitgenossen. Wer wird sich, selbst geimpft, wohl trauen, irgendwann – wenn sie denn jemals wieder eröffnet sind – in die brechend vollen Partytempel zu gehen, wo sich Viren in Sekundenschnelle verbreiten könnten? Selbst abgebrühteren Naturen dürfte diese Vorstellung das Fürchten lehren. Das Virus könnte also schaffen, was vor Corona nur ein Traum war: den Exzesstourismus zu zähmen. Wünschenswert wäre es.

Autor: Ingo Thor

23

09 2021