Archivo de November, 2021

Wahre Probleme 
und Luxusprobleme

Wer schon lange auf Mallorca lebt und den Blick nach Deutschland richtet, der kommt mitunter aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ist das noch die Bundesrepublik, wie man sie kannte, bevor man sich auf der Insel niederließ?

Die Debatte in der alten Heimat zur Corona-Pandemie und den Maßnahmen dagegen wirkt aus Inselsicht geradezu befremdlich. Die im Vergleich zu Spanien und Mallorca lächerlich niedrige Impfquote wirft die Frage auf: „Ja, was haben die in Deutschland bisher eigentlich gemacht?”

Gerne wird nördlich der Alpen über die vermeintlich planungsunfähigen Südländer gelächelt, aber längst haben es Mittelmeerländer wie Spanien und Italien vorgemacht, dass sie in Sachen Corona-Schutz rascher und effizienter agieren können als die angeblichen Organisationstalente.

Gerade auf Mallorca ist der Ernst der Lage der überwiegenden Mehrheit der Bürger stets bewusst. Man ist abhängig vom Tourismus. Darum möchte man eine sichere Destination bieten, für jene, die hier urlauben wollen. Aber man will auch Sicherheit für sich selbst und drängte darum schon früh auf Impfzertifikate und Kontrollen.

In Berlin und den Bundesländern verliert sich die Politik nach fast zwei Jahren Pandemie nach wie vor in Endlosdebatten über „2G”, „3G” und etwas mehr Impfdruck. Selbst vor neuen Lockdowns schreckt man nicht zurück, statt die Impfquote zu verbessern.

Auf Mallorca sind es die Unternehmen, die zusätzliche Impfpasskontrollen fordern, damit die Betriebe weiterarbeiten können. Hier hat 2020 jeder zweite Arbeitnehmer mit weniger als 950 Euro Monatsgehalt über die Runden kommen müssen, bei 28 Prozent der Beschäftigten waren es sogar weniger als 475 Euro! Auf der Insel weiß man, was es bedeutet, wenn die Wirtschaft pandemiebedingt stockt. Diskussionen um Impfanreize und Impfzwänge, wie sie anderswo gepflegt werden, gelten hier als Luxusproblem von Gesellschaften im Vollkasko-Dauermodus. Noch verstörender wirken gar die Straßenkrawalle gegen die Corona-Regeln in Rotterdam und Brüssel. Bleibt zu hoffen, dass zumindest solche Ausfälle Deutschland erspart bleiben.

Autor: Alexander Sepasgosarian

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25

11 2021

Diese Steuer ist so gar nicht mehr öko

Es klingt noch in den Ohren, wie die damaligen Balearen-Minister für Finanzen, Catalina Cladera, und Tourismus, Biel Barceló, die Ecotasa schmackhaft gemacht hatten: Es sei eine Steuer für nachhaltigen Tourismus. Das Geld solle helfen, Natur und Landschaft der Inseln zu bewahren. Auf keinen Fall diene die Steuer dazu, Haushaltslöcher zu stopfen. Für die Verteilung der Einnahmen wurde eine Kommission mit 32 Mitgliedern eingerichtet. Seit Juli 2016 kassieren Hoteliers, Ferienhausbesitzer und auch Kreuzfahrtunternehmen die Urlaubersteuer und führen sie an die Balearen-Regierung ab.

Rasch zeigte sich, wie mit dem Geld umgegangen wird. Die Kommission kritisierte Intransparenz bei der Vorauswahl der Projekte. Zudem wurde das Ziel auch immer weiter gefasst. Sprich: Es kamen Förder- ideen hinzu, die mit nachhaltigem Tourismus nur noch entfernt etwas zu tun hatten. Seit dem Beginn der Pandemie nun sind von den hehren Vorhaben nicht mehr als leere Worte übrig. Die Regionalregierung nutzt die Einnahmen aus der Ökosteuer für alles mögliche, wie beispielsweise Konzerte, aber nicht immer für Umweltprojekte. Das soll in den kommenden zwei Jahren nicht anders werden. Der Haushaltsentwurf für 2022 sieht vor, dass die Einnahmen aus der Ecotasa von geplanten 140 Millionen Euro als Corona-Hilfen verwendet werden. Die Arbeit der Kommission wird bis einschließlich 2023 ausgesetzt. Tourismusminister Iago Negueruela argumentiert, EU-Mittel flössen jetzt in Umweltprojekte. Die Ecotasa müsse helfen, die angeschlagene Eventbranche zu fördern. Frei nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel.

Die Balearen haben 855 Millionen Euro von der spanischen Zentralregierung erhalten, um damit Unternehmen in der Corona-Krise unter die Arme zu greifen. Dass diese Summe der Insel-Regierung nicht auszureichen scheint, ist kein Argument, Millionen Euro an Steuern zweckzuentfremden. Die Touristenabgabe steht bei Hoteliers ohnehin in der Kritik. Mit dem aktuellen Haushaltsplan dürfte die Regierung ihre Parade-Steuer untergraben. Wie will man die Ecotasa jetzt noch Urlaubern glaubwürdig erklären?

Autorin: Claudia Schittelkopp

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18

11 2021

Der Flughafenvorfall, bei dem alles schief ging

Der Vorfall hätte, wäre er im August mit den vielen Flügen passiert, nach Expertenmeinung den gesamten westeuropäischen Flugverkehr kollabieren lassen können. Doch die Landung einer Maschine der Fluggesellschaft Air Arabia Maroc und die Flucht von mehr als 20 illegalen maghrebinischen Migranten wurde an einem Freitagabend im November erzwungen. „Nur” Hunderte Passagiere anderer annullierter oder umgeleiteter Flüge kamen in Schwierigkeiten. Herbeigeführt worden war das Ganze wahrscheinlich durch einen simulierten gesundheitlichen Vorfall.

Das Vorkommnis wirft ein Schlaglicht auf das anhaltend ernste Migrationsproblem, wie man jetzt auch an der Grenze von Weißrussland mit Polen wieder sieht. Ein Flugzeug wurde von Wirtschaftsflüchtlingen zur Landung gezwungen, um illegal in die EU zu gelangen. Bei den Migranten handelte es sich laut neuen Erkenntnissen nicht um harmlose Kerle, die die Gunst der Stunde nutzten. Sie gaben sich in dem Jet offenbar so aggressiv, dass die Besatzungsmitglieder Angst davor bekamen, nach der Abholung des mutmaßlichen Simulanten die Türen zu schließen. Hinzu kam, dass Polizisten den Airbus nicht umstellt hatten, um eine Flucht zu verhindern, eigentlich eine Pflichtaufgabe bei einem Flugzeug in einer solchen Konstellation. Doch damit nicht genug: Man ließ zu, dass einige Illegale auf Fähren zum Festland entkamen. Auch über den Zaun, der den Airport eigentlich hermetisch abschirmen muss, waren sie ohne größere Probleme gelangt. Eine wenig überzeugende Figur machte in dieser Angelegenheit auch die Delegierte der spanischen Zentralregierung auf Mallorca, die Sozialistin Aina Calvo. Von Fehlern bei der Koordination der Sicherheitskräfte während des Vorfalls wollte sie nichts wissen.

Die Lage ist zu ernst, um einen solchen Vorfall zu verharmlosen. Um dem Problem beizukommen, müssen in den betroffenen Staaten Voraussetzungen geschaffen werden, die den Anreiz, fliehen zu wollen, mindern. In dieser Hinsicht sind die entwickelten Ländern gefordert.

Autor: Ingo Thor

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11 2021

Die Insel als Airline-Spielplatz im Winter

Dass Mallorca im Augenblick zu einer Art Herzkammer des europäischen Urlauber-Flugverkehrs mutiert, ist eine glückliche Fügung. Hier wollen die Airlines nämlich in der kühleren Jahreszeit ausprobieren, wie ihr Geschäft nach Corona generell laufen kann. Weil dem so ist, wird es auf der Insel erheblich munterer als erwartet zugehen. Es werden zu jeder Tageszeit Flüge angeboten, weil dies die deutschen Passagiere, die Mallorca quasi als mediterrane Heimat betrachten, nachfragen. Und da der Kunde bekanntlich König ist, wollen die Airlines ihn nicht vor den Kopf stoßen, sondern geradezu verwöhnen.Und so ist es beispielsweise sogar möglich, im tiefsten Januar – urlaubstechnisch im Grunde ein Nicht-Monat – direkt in weniger bekannte und mit lediglich schlichten Airports ausgestattete Städte wie Paderborn oder Dortmund zu fliegen.

Mallorca profitiert angesichts der speziellen aktuellen Entwicklung des Pandemie-Geschehens nun auch jenseits der Feriensaison vom in den letzten Jahrzehnten immer inniger gewordenen Verhältnis der Deutschen zu ihrer heiß geliebten Insel. Nach der trotz anhaltender Corona-Pandemie erfolgreichen Hochsaison dürften die ruhigen Monate zwar nicht trubelig, aber vernehmbar geschäftig werden. Das ist Wasser auf die Mühlen der Regionalregierung. Denn das Vertrauen der Reisenden in die durchaus erfolgreichen Corona-Maßnahmen hat die vorteilhafte Entwicklung im Flugbereich laut dem Experten Cord Schellenberg erst möglich gemacht. Und dies geht selbstredend einher mit dem Erhalt und der Schaffung von Arbeitsplätzen im Luftfahrtbereich – etwas, was die durch Corona brutal geschundene Insel mit den so ungeheuer vielen schlecht oder nur sporadisch bezahlten Arbeitnehmern bitter nötig hat. Mallorca steht nun unverhofft – und anders als bekannte Wettbewerberziele – zweifach als Sieger da: wegen der ungeachtet aller coronabedingten Widrigkeiten erfolgreichen Hochsaison und der zu erwartenden durchaus bewegten Nebensaison.

Autor: Ingo Thor

04

11 2021