Archivo de Januar, 2021

Warum geschlossene Bars und Cafés Spanier so verunsichern

Die Bilder aus den Niederlanden schockieren. Proteste gegen die Corona-Restriktionen arteten in wüsten Straßenschlachten aus. Am Ende fackelte ein enthemmter Mob sogar ein Testzentrum ab. Wem sollen solch vandalische Akte etwas nutzen?Während sich ganz Europa über die verzögerte Auslieferung der Impfstoffe ärgert, bleibt zu hoffen, dass Ausschreitungen wie in Holland den übrigen Regionen erspart bleiben. Der Vorfall zeigt indes, wie blank die Nerven liegen. Die Verunsicherung der Menschen durch die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen nimmt zu, je länger der medizinische Ausnahmezustand anhält. Hinzu kommen die beunruhigenden Nachrichten über Virusmutationen, die einhergehen mit dem lahmen Start der Impfungen. Die Politiker, die die Krise zu managen haben, verlieren unterdessen an Ansehen und Glaubwürdigkeit. Ihnen fällt angesichts der komplizierten Lage die undankbare Aufgabe zu, als Buhmänner (und -frauen) herhalten zu müssen.

Auf Mallorca haben sich die Menschen in ihrer großen Mehrheit lange in Geduld geübt, Lockdowns durchgestanden, die Vielzahl der sich rasch ändernden Corona-Regeln treu befolgt. Erst mit der Schließung der Gastronomie setzte ein Wandel ein: Die Wirte gingen auf der Straße demonstrieren. Und in der Bevölkerung wächst der Frust.

Man muss wissen: Bars und Cafés sind hierzulande ein integraler Bestandteil des spanischen Lebensgefühls. Die Gastro-Räume gleichen öffentlichen Wohnzimmern, in dem man zu sozialen Kontakten zusammenkommt, gemeinsam Getränke und Gerichte konsumiert, Fußball guckt, Lebensfreude empfindet. All das ist jetzt nicht möglich, und niemand weiß, wie lange das Verbot weiter gilt. Doch wenn die Menschen in Bars und Cafés sich nicht mehr über ihre Sorgen, Nöte oder Hoffnungen austauschen können, dann wird es für sie psychisch immer auswegloser, die Härtezeit der Pandemie durchzustehen. Das ist ein Dilemma. Die Regierung wäre gut beraten, baldigst einen akzeptablen Mittelweg zwischen Lockdown und Öffnung für die Gastronomie zu finden, um Gesundheit – sowie ein normales Alltagsleben – zu ermöglichen.

Autor: Alexander Sepasgosarian

28

01 2021

Andere Medizin statt eine höhere Dosis

An diesen Worten ist etwas Wahres dran: „Wenn die Medizin nicht wirkt, erhöhe die Dosis.” Dieser Ratschlag mag bei manchen Therapien zum Erfolg führen. Er kann aber auch fatale Folgen haben. Dann nämlich, wenn die Wirkungslosigkeit nicht an der Dosierung liegt, sondern daran, dass es schlicht die falsche Medizin ist. Dann führt die Erhöhung der Dosis zu mehr und möglicherweise gefährlicheren Nebenwirkungen, ohne dass sich die erhoffte Linderung einstellt.”

Das schrieb die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in einem Kommentar für den „Focus”. Sie leitet damit ihre Kritik an dem Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland ein. Doch Wagenknechts Wort könnten auch den Zustand auf Mallorca beschreiben.

Es sah zunächst alles danach aus, dass die Ausgangssperre auf der Insel von 22 auf 20 Uhr vorgezogen wird. Balearen-Ministerpräsidentin Francina Armengol wollte das, doch am Mittwoch kam das Veto aus Madrid. Es stellt sich eh die Frage nach dem Sinn dieser Maßnahme. Gastrobetriebe haben geschlossen, die Geschäfte machen abgesehen von einigen Ausnahmen um 20 Uhr zu, es ist winterlich kalt – und somit sowieso kaum jemand nach 20 Uhr auf der Straße.

Es gibt ständig neue Beschränkungen, ein Land schaut beim anderen ab. Nur wirklich besser wird die Lage nicht.

Vielleicht sollte man mal einen anderen Weg versuchen: Warum lässt man nicht Restaurants, Bars und Einzelhandel ganz normal öffnen und begrenzt die maximale Personenzahl auf 50 oder 30 Prozent? Natürlich müsste die Einhaltung der Abstände dann endlich strengstens kontrolliert werden. Parallel dazu müsste reichlich Geld ins Gesundheitssystem gepumpt werden. Das wäre sicherlich besser angelegt, als damit Pleite-Unternehmen retten zu müssen.

Da die bisherigen Maßnahmen nicht die erhofften Erfolge gebracht haben, ist es an der Zeit und fast schon Pflicht, neu zu denken. Denn in einem Punkt unterscheidet sich die Lage von der vor knapp einem Jahr: Immer mehr Menschen verlieren die damals noch große Hoffnung, dass der Albtraum in absehbarer Zeit ein Ende hat.

Autor: Nils Müller

25

01 2021

Undisziplinierte Bürger, überforderte Politiker

Was derzeit an der Corona-Front auf der Insel passiert, ähnelt dem Finale eines Thrillers: Während Tag für Tag um die 600 Neu-Ansteckungen gemeldet werden, kommt die Impf-Kampagne nicht so recht in Gang. Parallel dazu treiben neue Restriktionen wie die Schließung sämtlicher Restaurants und Bars Menschen wütend auf die Straßen.

Wohin diese auffallend beschleunigte Entwicklung führen soll, ist nicht absehbar. Greift irgendwann die Impf-Kampagne und wird eh alles besser? Nehmen die sozialen Spannungen weiter zu? Werden Politiker ihre Ämter verlieren?

Dass die Regierenden kein glückliches Händchen beim Management der Pandemie-Auswirkungen auf Mallorca haben, sticht geradezu ins Auge. Denn ungeachtet aller möglichen, zum Teil schwer nachvollziehbaren immer wieder verschärften Regeln breitete sich das Virus in den vergangenen Wochen in Windeseile aus und füllte die Intensivstationen. Hinzu kommen ungeschickte Äußerungen vor allem von Gesundheitsministerin Patricia Gómez, die die verschärften Restriktionen auch im Februar gelten lassen will.

Da die Menschen aufgebracht sind, weil ihnen ihre Lebensgrundlagen entzogen werden, ist von Seiten der Lokalpolitiker erheblich mehr Fingerspitzengefühl gefragt. Doch im Augenblick sieht man, dass dies nicht deren Stärke ist. Was soll beispielsweise das Verbot einer Demonstration von Bar- und Restaurantbesitzern, die um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen?

Doch die Bürger sollten sich auch an ihre eigenen Nasen fassen, und das richtig fest. Zu oft wurden in der Weihnachtszeit auf Mallorca Abstandsregeln gebrochen, zu entfesselt und voll, ja anarchisch ging es mitunter zu. Man sollte nicht nur mit dem Finger auf die Politiker zeigen. Wichtig ist, diese kritische Phase gemeinsam ohne zu viele Kollateralschäden zu überstehen. Mehr Disziplin seitens der Bürger und ein empathischeres Verhalten von Seiten der Politiker würden wieder etwas mehr Ruhe in die Angelegenheit bringen.

Autor: Ingo Thor

14

01 2021

Erst fühlt man das Grauen, dann stumpft man ab

Eines verwundert derzeit auf Mallorca: Die Zeit der nackten Angst, wie sie während des Lockdowns im Frühling fühlbar war, ist vorbei. Und das, obwohl die Coronalage im Augenblick ebenso heftig ist. Obgleich es tagtäglich Hunderte Neuansteckungen gibt und sich die Intensivstationen weiter füllen, ist man abgestumpft und wohl deswegen fatalistisch geworden. In Ansätzen kann sogar von einer Titanic-Stimmung gesprochen werden, also der Lust, es im Unglück richtig krachen lassen zu wollen.

Weil alles schon so lange dauert, scheinen die Menschen zunehmend Angst zu bekommen, etwas zu verpassen. Also zieht man in Pulks durch die Straßen von Palma, so eng wie noch vor Monaten sitzen die Masken nicht mehr. Man macht Partys, und wenn man erwischt wird, hat man halt Pech. Man fährt zu Hunderten in die Serra de Tramuntana, um sich hingebungsvoll am Schneetreiben zu ergötzen. Und immer öfter macht man Corona-Witze, was noch vor wenigen Monaten undenkbar war, als das Grauen aus China auf die völlig unvorbereiteten Menschen hereinbrach und sie in Schockstarre versetzte.

Auch an einen nicht enden wollenden Albtraum kann man sich offensichtlich gewöhnen. Das erinnert an Kriegssituationen: Zuckte man etwa bei den ersten Nachrichten über den in den 90ern losbrechenden Jugoslawien-Krieg noch zusammen, ließen einen die hereinprasselnden brutalen Neuigkeiten zwei Jahre später in der Regel eher kalt. Es ist halt menschlich, das allzu Schlimme nicht allzu lang ertragen zu können. Auf den Schrecken folgt eine selektive Wahrnehmung, eine Art Ausblenden des Horrors. Wie fühlt man sich auf einer Intensivstation? Na und, es trifft halt andere. Und bald wirkt ja die Impfkampagne.

Den Politikern muss zu denken geben, dass ihnen die anfangs so unterwürfigen Menschen von der Fahne gehen. Die Intensivierung der Witz-Kultur, gezielte Regelverstöße und mehr – sowas führte immer schon zu Veränderungen.

Autor: Ingo Thor

07

01 2021