Archivo de Januar, 2021

Undisziplinierte Bürger, überforderte Politiker

Was derzeit an der Corona-Front auf der Insel passiert, ähnelt dem Finale eines Thrillers: Während Tag für Tag um die 600 Neu-Ansteckungen gemeldet werden, kommt die Impf-Kampagne nicht so recht in Gang. Parallel dazu treiben neue Restriktionen wie die Schließung sämtlicher Restaurants und Bars Menschen wütend auf die Straßen.

Wohin diese auffallend beschleunigte Entwicklung führen soll, ist nicht absehbar. Greift irgendwann die Impf-Kampagne und wird eh alles besser? Nehmen die sozialen Spannungen weiter zu? Werden Politiker ihre Ämter verlieren?

Dass die Regierenden kein glückliches Händchen beim Management der Pandemie-Auswirkungen auf Mallorca haben, sticht geradezu ins Auge. Denn ungeachtet aller möglichen, zum Teil schwer nachvollziehbaren immer wieder verschärften Regeln breitete sich das Virus in den vergangenen Wochen in Windeseile aus und füllte die Intensivstationen. Hinzu kommen ungeschickte Äußerungen vor allem von Gesundheitsministerin Patricia Gómez, die die verschärften Restriktionen auch im Februar gelten lassen will.

Da die Menschen aufgebracht sind, weil ihnen ihre Lebensgrundlagen entzogen werden, ist von Seiten der Lokalpolitiker erheblich mehr Fingerspitzengefühl gefragt. Doch im Augenblick sieht man, dass dies nicht deren Stärke ist. Was soll beispielsweise das Verbot einer Demonstration von Bar- und Restaurantbesitzern, die um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen?

Doch die Bürger sollten sich auch an ihre eigenen Nasen fassen, und das richtig fest. Zu oft wurden in der Weihnachtszeit auf Mallorca Abstandsregeln gebrochen, zu entfesselt und voll, ja anarchisch ging es mitunter zu. Man sollte nicht nur mit dem Finger auf die Politiker zeigen. Wichtig ist, diese kritische Phase gemeinsam ohne zu viele Kollateralschäden zu überstehen. Mehr Disziplin seitens der Bürger und ein empathischeres Verhalten von Seiten der Politiker würden wieder etwas mehr Ruhe in die Angelegenheit bringen.

Autor: Ingo Thor

14

01 2021

Erst fühlt man das Grauen, dann stumpft man ab

Eines verwundert derzeit auf Mallorca: Die Zeit der nackten Angst, wie sie während des Lockdowns im Frühling fühlbar war, ist vorbei. Und das, obwohl die Coronalage im Augenblick ebenso heftig ist. Obgleich es tagtäglich Hunderte Neuansteckungen gibt und sich die Intensivstationen weiter füllen, ist man abgestumpft und wohl deswegen fatalistisch geworden. In Ansätzen kann sogar von einer Titanic-Stimmung gesprochen werden, also der Lust, es im Unglück richtig krachen lassen zu wollen.

Weil alles schon so lange dauert, scheinen die Menschen zunehmend Angst zu bekommen, etwas zu verpassen. Also zieht man in Pulks durch die Straßen von Palma, so eng wie noch vor Monaten sitzen die Masken nicht mehr. Man macht Partys, und wenn man erwischt wird, hat man halt Pech. Man fährt zu Hunderten in die Serra de Tramuntana, um sich hingebungsvoll am Schneetreiben zu ergötzen. Und immer öfter macht man Corona-Witze, was noch vor wenigen Monaten undenkbar war, als das Grauen aus China auf die völlig unvorbereiteten Menschen hereinbrach und sie in Schockstarre versetzte.

Auch an einen nicht enden wollenden Albtraum kann man sich offensichtlich gewöhnen. Das erinnert an Kriegssituationen: Zuckte man etwa bei den ersten Nachrichten über den in den 90ern losbrechenden Jugoslawien-Krieg noch zusammen, ließen einen die hereinprasselnden brutalen Neuigkeiten zwei Jahre später in der Regel eher kalt. Es ist halt menschlich, das allzu Schlimme nicht allzu lang ertragen zu können. Auf den Schrecken folgt eine selektive Wahrnehmung, eine Art Ausblenden des Horrors. Wie fühlt man sich auf einer Intensivstation? Na und, es trifft halt andere. Und bald wirkt ja die Impfkampagne.

Den Politikern muss zu denken geben, dass ihnen die anfangs so unterwürfigen Menschen von der Fahne gehen. Die Intensivierung der Witz-Kultur, gezielte Regelverstöße und mehr – sowas führte immer schon zu Veränderungen.

Autor: Ingo Thor

07

01 2021