Archiv für Dezember, 2013

2014 wird alles besser

Das Jahr 2014 wird besser. Die Regierung behauptet es schon lange, aber so langsam glaubt es auch das Volk.

Aber was bedeutet besser? Der Gradmesser für das Wohlbefinden der Nation ist längst die spanische Wirtschaft. Natürlich bleibt das persönliche Befinden auch von anderen Ereignissen abhängig – Stichworte Gesundheit, Familie et cetera – aber die Krise hat sich in fünf Jahren so verfestigt, dass in vielen Familien das Glück oder Unglück mit der Entwicklung des Bruttosozialprodukts bemessen werden kann. Viel zu viele sind ohne Arbeit, andere verdienen immer weniger, haben Angst um ihren Job oder ihre Firma. Es sind unsichere Zeiten in Spanien.

Von außen betrachtet erscheint die Wirtschaftskrise reichlich abstrakt. Ich kann von einem Deutschen, dem jeden Abend in der Tagesschau neue Erfolgsmeldungen seiner Heimat serviert werden, nicht wirklich erwarten, dass er sich in die Krisenstimmung in Spanien versetzen kann. Ich kann Ihnen aber versichern: Viele Spanier sind des Kämpfens müde, die Krise hat sich in ihre Seele gefressen.

Aber 2014 wird vieles besser. Natürlich ist die Beendigung der Arbeitslosigkeit von mehr als 25 Prozent eine Generationenaufgabe, und natürlich stehen den Spaniern (und vielen ausländischen Residenten) weitere Reformen bevor. Aber immerhin gilt das Königreich inzwischen als Musterschüler unter den Krisenländern in Europa. Und es können kleine Erfolge gefeiert werden, immer dann, wenn irgendein Index nicht mehr weiter in den Keller rauscht.

2014 wird besser. Nicht weil Regierungschef Rajoy das sagt, sondern weil sich immer mehr Unternehmen trauen, die positive Losung auszugeben. Vielleicht wird 2014 auch nur deshalb besser, weil wir daran glauben wollen. 50 Prozent der Wirtschaft ist Psychologie, soll schon Ludwig Erhard gesagt haben. Die Stimmung könnte also besser sein als die Wirtschaftslage, nach dem Motto: Wir sind die Krise leid.

Nachhaltiges Wirtschaftsdenken ist das sicher nicht. Trotzdem beteiligen wir uns gerne am „positive thinking“: 2014 wird besser. Ganz sicher!

Autor: Bernd Jogalla

26

12 2013

Ein Krieg, ein Kind, ein Foto

Die Kaffeepause in der Bar nebenan ist ein guter Moment, um die Gedanken mal ein bisschen schweifen zu lassen. Und bin ich erst mal raus aus dem Trott, fliegt mir ja vielleicht auch eine Idee für den Leitartikel zu.

So sollte das auch an diesem Dienstag sein. Vielleicht gibt die Russen-Mafia ein Thema her. Oder der Plan für die chilligen Strandbuden an der Playa de Palma. Die Immobilienpreise haben wieder leicht angezogen – auch das könnte die Weihnachtsgäste auf der Insel interessieren. Überhaupt Weihnachten: Müsste der Leitartikel nicht ein wenig „Festcharakter“ haben?

Ich wäge noch ab und greife mehr aus Gewohnheit denn aus Interesse zur ausliegenden Zeitung „El País“. Und plötzlich zieht das Titelbild alle meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Farbfoto der Agentur AP. Es entstand in Syrien, in Aleppo. Ein verzweifelter Mann trägt seinen toten Sohn im Arm. Der Junge auf dem Foto ist vielleicht vier, fünf Jahre alt, seine Kleidung ist blutverschmiert. Er trägt eine rote Mütze, das Gesicht ist nicht zu sehen. Nur das des Vaters. Er weint.

Wir bekommen heutzutage viele Kriegsbilder zu sehen. Die meisten vergessen wir schnell wieder. Dieses hier habe ich noch Stunden später vor meinem geistigen Auge. Und deshalb ist es diese Woche auch mit dem Leitartikel über die Russen-Mafia oder die Immobilienpreise auf Mallorca nichts geworden. Ich nehme mir einfach mal heraus, die täglichen Mallorca-Probleme als banal zu empfinden.

Ich möchte, dass das Töten in Aleppo und vielen anderen Orten auf der Welt aufhört. Ich möchte, dass sich die mächtigen Politiker auf der Welt stärker dafür engagieren. Ich möchte, dass die humanitäre Hilfe für die Syrien-Flüchtlinge endlich in Gang kommt. Dazu müssen wir spenden. Wir müssen zuhören und hinschauen, wenn uns Hilferufe erreichen. Weihnachten auf Mallorca dürfen wir trotzdem genießen.

Jetzt ist es doch ein reichlich „besinnlicher“ Leitartikel geworden. Ich lasse ihn einfach mal so stehen.

Autor: Bernd Jogalla

19

12 2013

Hotelmitarbeiter dürfen nicht leer ausgehen

Die wütenden Reaktionen, vor allem auf den Internetseiten der Zeitungen, ließen nicht lange auf sich warten. Nein, das Volk hat kein Verständnis für das Ansinnen der Hoteliers, bei den Tarifverhandlungen auf eine Nullrunde zu setzen. Zuvor war dem Volk nämlich ein ums andere mal erklärt worden, wie toll die touristische Saison gelaufen ist. Wenn nicht nach einer Rekordsaison, wann dann wird es jemals wieder etwas mehr in die Lohntüte geben?

Wir haben inzwischen zwar gelernt, dass Touristenmassen nicht mehr gleichzusetzen sind mit einer hohen Rendite, aber jetzt übertreiben es die Hoteliers. Es war eine Top-Saison, und die haben sie auch ihren Mitarbeitern zu verdanken, die zurecht ein Stück vom Kuchen verlangen. Die Zahl der Insulaner, die kein Auskommen mit dem Einkommen haben, ist sowieso schon viel zu hoch.

Hinzu kommt, dass das Vorhaben der Hoteliers Schule machen wird. Schon meldet sich die Gastronomie zu Wort. Auch bei ihr müssten die Gehälter eingefroren werden, denn ihr gehe es ja viel schlechter als den Hotellerie (was übrigens stimmt).

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Unternehmer die Krisenstimmung nutzen, um die Gehälter zu drücken, und zwar ganz unabhängig von ihrem wirtschaftlichen Ergebnis.

Dieses Verhalten ist Ausdruck des zementierten Misstrauens zwischen Unternehmern und Beschäftigten in Spanien. Es gibt „die da oben“ und „die da unten“, aber kein Verständnis für Lage des jeweils anderen. An diesem schlechten Verhältnis sind im Übrigen nicht nur Arbeitgeber, sondern auch die Gewerkschaften schuld, die häufig allzu betonköpfig agieren. Angesichts dieser Konfrontation können wir uns schon jetzt auf Streiks zu Beginn der Saison einstellen.

In Spanien herrscht Krise, viele Betriebe stehen auf der Kippe. In dieser Situation können auch Nullrunden angezeigt sein. Aber wenn es wieder läuft, dürfen die Arbeitnehmer nicht leer ausgehen. So wie in diesem Jahr in den mallorquinischen Hotels.

Bei Tarifverhandlungen in Krisenzeiten ist besonderes Augenmaß gefragt. Bei denen da unten – und bei denen da oben.

Autor: Bernd Jogalla

12

12 2013

Kein Ausweg aus der Bildungskrise in Sicht

Spanien im Allgemeinen und die Balearen im Besonderen haben bei der PISA- Studie wieder einmal verheerend abgeschnitten. Die Ergebnisse sind alarmierend und verlangen nach entschiedenem Handeln.

Der Ausbau des Bildungswesens muss in Spanien oberste Priorität erhalten. Denn die Qualität der Bildung wird in Zukunft der Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit des Landes sein. Vorbei die Zeiten, als Schulabbrecher auf gut bezahlte Jobs in Tourismus oder auf dem Bau setzen konnten. Der Abbau der hohen Arbeitslosigkeit wird eine Generationen-Aufgabe sein – und nachhaltig nur gelingen, wenn die Jugend gut ausgebildet ist.

In der Bildung liegt das eigentliche Drama Spaniens, denn es sind keine Anstrengungen erkennbar, die Defizite zu beseitigen. Im Gegenteil: Das Spardiktat hat auch vor Schulen und Universitäten nicht halt gemacht. Schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass die Bildung von den großen Parteien nicht als elementare Aufgabe betrachtet wird, auch wenn sie das in ihren Fensterreden beteuern. Jede Regierung beschließt neue Gesetze mit netten Kürzeln – gerade hat die Volkspartei „LOMCE“ und „TIL“ durchgeboxt -, die von der nächsten Regierung wieder kassiert werden. Das ist Egoismus auf dem Rücken der Jugend.

Ein besonders trauriges Beispiel geben in diesen Wochen die Balearen ab. Das Mehrsprachenmodell TIL – vom Ansatz sicher ein gangbarer Weg – wurde frontal gegen die Wand gefahren. Lehrer und Schüler sind überfordert, die Opposition enorm. Diese Woche wurde gemeldet, dass nur die Hälfte der Schulen das Dekret bislang umgesetzt hat. An den Instituten herrscht Chaos, und die Bildungsministerin dient als Vorlage für Karikaturen, weil sie offenbar das Wort PISA nicht aussprechen konnte. Wieder ein verlorenes Jahr.

PP und PSOE müssten in Land und Region einen parteienübergreifenden Pakt für die Bildung schließen, orientiert an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es bleibt beim Konjunktiv. Denn sie sind nicht willens, über ihren Schatten zu springen. Ein Armutszeugnis.

Autor: Bernd Jogalla

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05

12 2013